widerst at nd MUND: Freitag, 03.08.2007

MUND: medienunabhängiger Nachrichtendienst analle at no-racism.net
Do Aug 2 21:42:07 CEST 2007


widerst at nd MUND: medienunabhängiger Nachrichtendienst

Freitag, 03.August 2007

Medieninhaberinnen & Medieninhaber seid Ihr
www.no-racism.net/mund




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A) INHALT
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AKTIONEN, ANKÜNDIGUNGEN UND VERANSTALTUNGEN
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01  GAJ Sommercamp +++ GAJ Infotour
  von  GAJ Wien <newsletter at gajwien.at>
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02  Symphonie für die Bombe
  von  Café Critique <cafe.critique at gmx.net>
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MELDUNGEN UND MEINUNGEN
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03  GLB/Überstunden/Arbeitszeitverkürzung
  von  GLB <glb at gmx.org>
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04  ASt - Eine Linke links von Rifundazione in Italien. Interview mit COBAS
  von  ASt-LFI <ast-lfi at gmx.net>
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05  Schubhaft war rechtswidrig
  von  office at asyl-in-not.org <office at asyl-in-not.org>
06  Gastkommentar von Riem Mahdi: Mitverantwortung statt Großzügigkeit
  von  WADI Austria <wadi.wien at gmx.at>
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07   ASt - Britannien: Überflutungen enthüllen Labours Gleichgültigkeit in
der Klimafrage
  von  ASt-LFI <ast-lfi at gmx.net>
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08  Kunstbericht 2006: Einmalpreise statt Kontinuität
  von  IG Kultur Österreich <office at igkultur.at>
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09  Wir Leni Riefenstahls - Was sich seit vier Jahren im Westen des Sudan
abspielt, ist nichts anderes als ein Genozid auf Raten
  von  WADI Austria <wadi.wien at gmx.at>
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10  SPÖ erhebt Forderung nach Straffreiheit von  Musikdownloads
  von  "q/depesche" <depesche at quintessenz.org>
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11  Öffentliche Hinrichtung in Teheran
  von  WADI Austria <wadi.wien at gmx.at>
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G8/GIPFELSOLI & INTERNATIONALE SOLIDARITÄT
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12 + 13 [Gipfelsoli Newsletter] Heiligendamm
von Öffentlicher Verteiler der Gipfelsoli-Infogruppe
   <gipfelsoli-l at lists.nadir.org>
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B) TEXTE
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AKTIONEN, ANKÜNDIGUNGEN UND VERANSTALTUNGEN
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01  GAJ Sommercamp +++ GAJ Infotour
  von  GAJ Wien <newsletter at gajwien.at>
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wir wollen euch auf die folgenden aktivitäten der plattform gaj aufmerksam
machen.

grünalternative jugend - sommercamp
16. - 19. august, kramsach/tirol, reintaler see

lust auf ein wochenende mit spannenden workshops und netten menschen? die
grünalternative jugend lädt zum gaj-sommercamp vom 16. - 19. august 2007 in
kramsach (tirol) am reintaler see.
geboten werden ein reichhaltiges workshopangebot (zu antisemitismus,
feminismus, kapitalismuskritik, homophobie, ...), filmabende,
diskussionsrunden und vieles mehr. hier gehts zu den detailierten infos:
http://www.gajwien.at/aktuell/2007/august/sommercamp.htm
das sommercamp ist teil des plattform gaj seminarprogramms über das ihr hier
mehr informationen findet:
http://www.gajwien.at/aktuell/2007/april/seminare.htm

grünalternative jugend - infotour
03. - 16. august, orte siehe unten

von 03. - 16. august geht die plattform grünalternativer
jugendorganisationen auf infotour durch städte in ganz österreich. dabei
wird über die projekte und politischen grundhaltungen der gaj informiert.

hier die termine der infotour im einzelnen:
3. 8. wien
4. 8. mödling
8. 8. salzburg
9. 8. graz
10. 8. klagenfurt/celovec
11. 8. linz
12. 8. steyr
13. 8. feldkirch
14. 8. bregenz
15. 8. innsbruck.
16. 8. kramsach +++ sommercamp

liebe grüße,

die grünalternative jugend wien.



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02  Symphonie für die Bombe
  von  Café Critique <cafe.critique at gmx.net>
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 Neu auf Instant Coffee, dem Blog von Café Critique:

Symphonie für die Bombe
by Florian Markl
August 2nd, 2007
In einem Radiointerview für einen amerikanischen Sender äußerte sich der
israelische Präsident Shimon Peres über das iranische Atomwaffenprogramm. Er
könne sich des Eindrucks nicht erwehren, so Peres, dass in den Augen des
iranischen Präsidenten Ahmadinejad die Atombombe höher stünde als Gott. "He'
s worshipping the bomb more than he's worshipping the God in heaven." Auch
wenn die iranische Führung diese Aussage mit Sicherheit als Gotteslästerung
betrachtet, entbehrt sie nicht eines gewissen Wahrheitsgehaltes: In der Tat
ist es zumindest so, dass das iranische Atomprogramm in einer Art und Weise
verehrt wird, die nicht anders als "kultisch" zu bezeichnen ist.
Erinnert sei nur an die gespenstische Feier, die im April letzten Jahr
inszeniert wurde, als den iranischen Nuklearforschern zum ersten Mal die
Anreicherung von Uran gelungen war: In traditionelle Gewänder gekleidete
Tänzer reckten Kapseln gen Himmel, in denen sich angeblich Uran-Hexafluorid
befand (MEMRI TV, Clip 1126). Der 9. April 2007 wurde von der Führung zum
"nationalen Tag der Nukleartechnologie" erklärt, mit Massenaufmärschen, "Tod
den USA"- sowie "Tod für Israel"-Sprechchören und allem, was sonst noch zu
einem Jubeltag einfach dazu gehört (MEMRI TV, Clip 1427).
Wenig bekannt ist allerdings, dass das iranische Nuklearprogramm nicht nur
Gegenstand etlicher Folklore- und Propagandaveranstaltungen ist, sondern
auch die hohe Kultur beflügelt. Wie einem interessanten Buch zu entnehmen
ist, beauftragte Präsident Ahmadinejad am 16. Dezember 2005 das iranische
Kulturministerium damit, die Komposition einer Symphonie in Auftrag zu
geben, die den im Nuklearprogramm verkörperten nationalen Stolz würdigen
sollte. Das von Behzad Abdi komponierte Meisterwerk weist folgende Struktur
auf: Der erste Satz trägt den Titel "Großartigkeit" bzw. "Pracht" und greift
damit einen Begriff auf, der in Ahmadinejads feurigen Reden oftmals mit dem
"Talent der iranischen Jugend", der angeblich treibenden Kraft hinter dem
iranischen Atomprogramm, in Verbindung gebracht wird. Im zweiten Satz wird
die Sonne geehrt, das vorbildhafte Symbol für Energieerzeugung. Der dritte
Satz ist schlicht "Frieden" benannt; Großartigkeit, Sonne und Frieden stehen
für den absolut friedlichen Charakter der iranischen Atomwaffen. Der vierte
und letzte Satz deutet allerdings darauf hin, dass es doch um mehr gehen
könnte, als bloß um Friede, Freude und Eierkuchen - er trägt den Titel "Sieg
".

_________________

Symposium
Die Islamische Republik Iran - Analyse einer Diktatur
29. und 30. September 2007
Campus der Universität Wien, Altes AKH
Samstag: 19 Uhr, Hörsaal D, Hof 10, 13
Sonntag: 10 Uhr, Hörsaal C1, Hof 2

mit Tjark Kunstreich, Simone Dinah Hartmann, Stephan Grigat, Wahied
Wahdat-Hagh, Gerhard Scheit, Alex Gruber, Fathiyeh Naghibzadeh, Andreas
Benl, Matthias Küntzel u. a.
Weitere Informationen unter
www.cafecritique.priv.at





Kundgebung
Keine Geschäfte mit den iranischen Mullahs!
Gegen das Atomprogramm des Iran und seine österreichischen und europäischen
Förderer!



Sonntag, 30. September 2007
18 Uhr
Stephansplatz in Wien

mit Beiträgen von
Café Critique
Beate Klarsfeld (Söhne und Töchter der jüdischen Deportierten Frankreichs)
Matthias Küntzel (Scholars for Peace in the Middle East)
Kazem Moussavi (Green Party of Iran)
Ariel Muzicant (Israelitische Kultusgemeinde)
Wahied Wahdat-Hagh (European Foundation for Democracy)
u. a.

veranstaltet von Café Critique und der Israelitischen Kultusgemeinde
bisherige Unterstützer (weitere melden sich bitte unter
cafe.critique at gmx.net):
Sharon Adler (AVIVA-Berlin)
Anti-Defamation Forum
Arbeitskreis Antisemitismus München
Bund sozialdemokratischer Juden - Avoda
Cordula Behrens, Oldenburg
Daniela Ebner
Friends of Israel Linz
Gudrun Flügge, Oberursel
Heimo Gruber (Österreichisch-Israelische Gesellschaft)
Philipp Heimberger (Diskussionsforum Liberal in Österreich)
Gerhard Oberschlick
Prozionistische Linke Frankfurt
Scholars for Peace in the Middle East - Austria
Studienvertretung Politikwissenschaft / Universität Wien
Klaus Thörner, Oldenburg
Weblog Lizas Welt
Zionistische Föderation in Österreich (ZFÖ)
Zwi Perez Chajes Loge der B'nai B'rith

Weitere Informationen unter
www.cafecritique.priv.at




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MELDUNGEN UND MEINUNGEN
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03  GLB/Überstunden/Arbeitszeitverkürzung
  von  GLB <glb at gmx.org>
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Pressedienst des Gewerkschaftlichen Linksblocks (GLB), Hugogasse 8, A-1110
Wien - Telefon +43 664 61 45 012 oder +43 1 53 444-308 - Mail office at glb.at
- Web www.glb.at - Ausgabe vom 30. Juli 2007





Arbeitszeitverkürzung als Antwort auf wachsende Überstundenleistung

Österreich ist Europameister bei längsten realen Wochenarbeitszeiten

Die Dringlichkeit einer Arbeitszeitverkürzung wird nicht nur im Zusammenhang
mit der enorm steigenden Produktivität, sondern auch durch eine wachsenden
Überstundenleistung deutlich, stellt die Fraktion Gewerkschaftlicher
Linksblock im ÖGB (GLB) fest.

Laut Statistik Austria leisteten im Vorjahr 763.900 Beschäftigte regelmäßig
Überstünden, bei durchschnittlich neun Überstunden pro Woche in Summe 340
Millionen Stunden im Jahre 2006. Alarmierend ist dabei das Wachstum der
Beschäftigten die regelmäßig Überstunden leisten: 2004 waren es 648.000,
2005 bereits 757.000 und 2006 schon 763.900. Überstunden sind offenbar
Männersache: 530.600 Männern stehen nur 233.300 Frauen gegenüber die
regelmäßig Überstunden leisten, was offensichtlich mit der hohen
Teilzeitquote und der Dominanz atypischer Beschäftigungsverhältnisse bei
Frauen zusammenhängt.

Umgerechnet auf eine 40-Stundenwoche bedeuten diese Überstunden ein
Arbeitskräftepotential von 170.000 Beschäftigten: "Leider hat die ÖGB-Spitze
die Forderung nach einer Arbeitszeitverkürzung zugunsten einer fragwürdigen
Flexibilisierung und zuletzt sogar Verlängerung der Arbeitszeit geopfert",
kritisiert GLB-Bundesvorsitzende Karin Antlanger. Trotz seit 1987
regelmäßiger Beschlüsse der ÖGB-Kongresse für eine 35-Stundenwoche ist die
Arbeitszeitverkürzung zu einem Tabu-Thema in den Gewerkschaften geworden.

Die enorme Überstundenleistung ist auch vor dem Hintergrund zu sehen, dass
Österreich laut Eurostat (Stand Frühjahr 2005) mit 44,1 Wochenstunden ein
Europameister bei der längsten realen Wochenarbeitszeit ist: "Aus dem
Volumen geleisteter Überstunden lässt sich unschwer ausrechnen, welche
positiven Effekte eine allgemeine Arbeitszeitverkürzung zur Reduzierung der
anhaltend hohen Zahl von Erwerbsarbeitlosen und prekär Beschäftigten hätte",
so Antlanger.

"Im Zusammenhang mit einer Reduzierung der Überstunden ist eine allgemeine
Arbeitszeitverkürzung eine Schlüsselfrage", so Antlanger. Dadurch kann Druck
auf die Schaffung neuer Arbeitsplätze entstehen um der Arbeitslosigkeit und
Prekarisierung gegenzusteuern. Hingegen hält die Behauptung, durch eine
weitere Flexibilisierung oder Abschaffung der Überstundenzuschläge würden
Arbeitsplätze geschaffen keiner seriösen Prüfung stand. Der ÖGB und vor
allem die ArbeiterInnen und Angestellten sind schlecht beraten, wenn sie
weiterhin der Erpressung der Unternehmer mit verstärkter Flexibilisierung
nachgeben.


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04  ASt - Eine Linke links von Rifundazione in Italien. Interview mit COBAS
  von  ASt-LFI <ast-lfi at gmx.net>
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Italien: Eine Linke links von RC
Interview mit Elettra Anghelinas (COBAS)
(aus: Red Newsletter 282, Newsletter des ArbeiterInnenstandpunkt vom
30.7.2007, www.arbeiterInnenstandpunkt.net)

Vor gut einem Jahr wurde die Regierung Berlusconi abgewählt. Unter dem
langjährigen EU-Kommissions-Präsidenten Prodi wurde eine
Mitte-Links-Regierung gebildet, der auch Rifondazione Comunista (RC)
angehört, eine Schwesterpartei der hiesigen Linkspartei. Zu den
Auswirkungen, die diese Regierungsbeteiligung auf die Gewerkschaften, die
Antikriegsbewegung und die Linke allgemein hat, haben wir Elettra Anghelinas
befragt, Mitglied der Basisgewerkschaft COBAS, die nicht nur in den sozialen
Kämpfen, sondern auch in der Antikriegsbewegung sehr aktiv ist.

Auch wenn wir politische Differenzen zu COBAS haben, so spielt sie im Moment
zweifellos eine wichtige progressive Rolle.

Das Interview fand Anfang Juni in Rostock statt. Seither hat sich in Italien
viel ereignet. Die angesprochene Demo am 9. Juni wurde für COBAS und alle
anderen Organisatoren zu einem großen Erfolg. 150.000 folgen dem Aufruf
gegen Bush und seinen globalen Krieg, aber auch gegen den Militarismus der
Prodi-Regierung, gegen Afghanistan- und Irakeinsatz.

Eine zweite Demo, organisiert von der regierungstreuen "Friedensbewegung,"
von RC, CGIL und anderen, die nur gegen Bush demonstrierte, brachte gerade
1.500 zusammen. Die Generalsekretäre der Organisationen blieben unter sich,
diejenigen ihrer Mitglieder, die demonstrieren wollten, stimmten mit den
Füßen ab.

NI: Am 17. November letzten Jahres gab es beeindruckende
Massenmobilisierungen von Jugendlichen und Arbeitern gegen die neue
Regierung, die erst ein halbes Jahr im Amt war.

A: Wir haben einen Generalstreik vorgeschlagen und es gab Demonstrationen in
ganz Italien, die größten in Rom, Mailand, Neapel und Turin. Auf der Straße
waren ArbeiterInnen mit Studierenden, prekär Beschäftigten und
MigrantInnen - mehr als eine halbe Million.

Aber unser Widerstand gegen die Haushaltspolitik von Prodi hatte bereits am
4. November mit einer Demo gegen Prekarisierung begonnen. Auch die FIOM
(Metall-Gewerkschaft), Rifondazione Comunista, attac und andere haben sich
beteiligt. Wir gingen mit einer klaren Position gegen den Haushalt und den
Arbeitsminister Damiano auf die Straße. Unser Transparent "Damiano, Knecht
der Unternehmer" drückte sehr gut die Wut der jungen Leute und der prekär
Beschäftigten gegen die italienische Gesetzgebung aus, die auf
Flexibilisierung des Arbeitsmarktes und Lockerung der Rechte setzt. Die
jetzige Regierung will diese Gesetze behalten. Unser Transparent wurde aber
von der CGIL (dem größten Gewerkschaftsbund, der mit den Regierungsparteien
DS und RC verbunden ist) sehr kritisiert.

Der Generalstreik vom 17. November bestätigte diesen Widerstand gegen den
Haushalt, der die Ausgaben für Bildung und Soziales kürzt und der jungen
Leuten die Chance auf Arbeit nimmt - es werden gerade mal 8.000 von 350.000
Befristeten im Öffentlichen Dienst übernommen. Aber es zeigte auch den
massenhaften Widerstand gegen die prokapitalistische und kriegstreiberische
Politik. Die ArbeiterInnen hatten schon das Gefühl, dass die Prodi-Regierung
die Fortsetzung von Berlusconi ist.

NI: Wohin wird sich der Widerstand in den nächsten Monaten entwickeln?
Besteht die Chance, die CGIL allgemein und speziell die MetallerInnen der
FIOM für den Kampf gegen den neoliberalen und imperialistischen Kurs Prodis
zu gewinnen?

A: Am 17. November zeigte sich auch die Schwäche des Gewerkschaftsbundes im
Kampf gegen Prekarisierung und Sozialabbau. Viele Mitglieder der CGIL haben
mit uns gestreikt, während der Generalsekretär der CGIL den Mitgliedern
verboten hat, mit der COBAS zu streiken und zu demonstrieren. Was die FIOM
betrifft, so hat die eine gewisse Unabhängigkeit von der CGIL und wir
arbeiten öfter zusammen, wie bei den erwähnten Protesten und in anderen
Dingen.

Die CGIL aber ist wie auch andere Gewerkschaftsverbände, die CISL und UIL
"loyal" gegenüber der Regierung. Anstatt sich der Regierung zu widersetzen,
stellen sie sich gegen ihre eigenen Mitglieder.

NI: Wir erinnern uns gut, dass Fausto Bertinotti im November 2002 auf dem
Europäischen Sozialforum in Florenz Selbstkritik geübt hat an der
Unterstützung von RC für die "Olivenbaum"-Koalition von Prodi von 1996 bis
1998. Das stieß damals auf große Begeisterung, auch unter den Mitgliedern
von RC. Gibt es heute Widerstand in der Partei gegenüber Bertinottis
180-Grad-Wende zur Unterstützung einer "sozial-liberalen" Regierung?

A: Die Schwierigkeiten in der jetzigen Periode in Italien liegen darin
begründet, dass linke Parteien wie Rifondazione in die Regierung gehen und
Bereiche, die sich zuvor im Widerstand gegen Berlusconi befanden, jetzt in
die Regierungspolitik integriert sind. Das hat zur Folge, dass Menschen und
Organisationen, die in der Vergangenheit bereit waren, gegen den
Kapitalismus zu kämpfen, jetzt irgendwie still geworden sind.

Natürlich gibt es Widerstand nicht nur in der Gesellschaft, sondern auch
innerhalb der Organisationen. Aber die Situation ist kritisch. Die
Regionalwahlen im Mai haben den rechten Parteien in Norditalien Gewinne
gebracht. Entscheidend war wohl die Wahlenthaltung von linken Wählern. Das
zeigt, dass es Schichten gibt, nicht notwendigerweise radikale, sondern
möglicherweise auch moderat eingestellte, die sehen, wie negativ das
politische Verhalten dieser Regierung ist, sei es in Bezug auf Armut,
Beschäftigung, Bildung, Gesundheit, Wohlfahrt, Umwelt oder Krieg.

NI: Die antikapitalistische Bewegung in Italien war immer so etwas wie ein
Vorbild für die Bewegung im übrigen Europa. Sie entwickelte ein Netzwerk von
sozialen Organisationen, (Sozialforen und Sozialzentren), der
Gewerkschaftsbasis, Antikriegs-AktivistInnen, aber auch Mitglieder der
größeren kommunistischen und ex-kommunistischen Parteien, das gemeinsam
gegen Krieg, die Angriffe der Berlusconi-Regierung usw. mobilisierte. Gibt
es dieses Netzwerk noch und in welchem Zustand ist es? Stellt es noch eine
Basis für den Widerstand gegen Prodi dar?

A: Angesichts dieser politischen Situation und mit der Entscheidung vieler
Menschen, vielen Gruppen und Bündnissen, die Regierung zu unterstützen -
wenn auch "kritische" - hat das von dir beschriebene Netzwerk, das prägend
für die Zeit zuvor war, aufgehört zu existieren. Aber das heißt nicht, wie
gesagt, dass es keine Opposition gäbe oder gar die Möglichkeit zu
gemeinsamem Kampf fehlen würde. Wir können uns lediglich gerade nicht
vorstellen, "feste Allianzen" zu haben. Wir versuchen also immer wieder, um
bestimmte Punkte herum Bündnisse zu schaffen. Wir haben das um die Frage der
Prekarisierung getan, wir tun dies um die Kriegsfrage. Ich denke, das ist
derzeit der einzige Weg zu mobilisieren.

Die Kriegsfrage ist beispielhaft: Seit Juni 2006 hat COBAS mit
Demonstrationen gegen die Kriegseinsätze begonnen, aber
Massendemonstrationen waren nicht mehr möglich, nachdem die frühere
Antikriegsbewegung mehr oder weniger selbst in der Regierung eingebunden
war. Wir haben mit einer neuen Bewegung begonnen, die ihren Ausgangspunkt im
Widerstand gegen den Ausbau der US-Basis in Vincenza nahm. 150.000 haben
dort protestiert und RC war Teil des Bündnisses. Jetzt planen wir eine Demo
für den 9. Juni in Rom, wenn Bush kommt. Wir wissen, dass Rifondazione
gespalten ist, viele Mitglieder wollen auf die Straße gegen den Krieg, aber
die Partei selbst wird nicht gegen die Kriegseinsätze demonstrieren, denen
sie selbst im Parlament zugestimmt hat.

NI: Du warst auf allen Europäischen Versammlungen, die mit dem Sozialforum
in Verbindung stehen. In Florenz, Paris oder Athen zeigte sich, wie groß die
Möglichkeit ist, massenhaft aus ganz Europa bis in den Nahen Osten zu
mobilisieren.

Dennoch wird unserer Meinung nach das Sozialforum nach wie vor durch
diejenigen gelähmt, die darauf bestehen, dass es nur Forum ist, ein "Raum"
ohne Koordination und gewählte Führung. Selbst die Versammlung der Sozialen
Bewegungen diskutiert so wichtige Themen wie die Prodi-Regierung nicht und
berät nicht über Strategie. Welche Perspektiven seht Ihr?

A: Es stimmt, dass das ESF derzeit mehr oder weniger paralysiert ist. Selbst
das Welt-Sozialforum scheint trotz der Beteiligung "moderaterer"
Organisationen, z.B. von NGOs, lebendiger zu sein und mehr Bewegung zu
produzieren.

Aber das Problem ist nicht nur das Fehlen einer Führung, sondern das Fehlen
einer echten Bewegung um das ESF. Es gibt viele Bewegungen in Europa, aber
sie haben keine Verbindung mehr zum ESF.

Um das Problem zu lösen, hilft es nicht, die Gründung neuer Sozialforen zu
proklamieren. Das ist passé. Die Sozialforen haben neue Netzwerke kreiert,
haben Leute politisiert und teilweise den Parteien zugeführt. Wir müssen
heute mit dem arbeiten, was wir haben: der Anti-Kriegsbewegung
beispielsweise oder der Umweltbewegung. In Italien entwickelt sich ein
Netzwerk vieler Gruppen, die gegen lokale Umweltprobleme kämpfen. Sie haben
keine Verbindung zu den Grünen oder anderen Parteien und kämpfen hart gegen
die Regierung, die in ihrer Gegend gefährliche Einrichtungen installieren
will. Sie haben Industrie-Gelände besetzt, landesweite Demonstrationen
organisiert und die Bewegung wächst weiter.

Ich nehme dieses Beispiel, weil es zeigt, wie weit das ESF derzeit von den
wirklichen Bedürfnissen der Bewegung entfernt ist. Ein Grund für die Distanz
zu den Bewegungen ist auch die interne Situation des ESF. Die Sozialforen in
Frankreich und Italien sind gespalten und nicht mehr in der Lage, ihre
Führungs- und Vorbildrolle im ESF wahrzunehmen. Wenn es eine Lösung gibt,
besteht sie darin, die wirklichen Kämpfe um Arbeit, Prekarisierung und Krieg
auf das ESF zu bringen.

Was wir noch tun können, ist das ESF als Ort zu nutzen, um zu europaweiten
Mobilisierungen aufzurufen - mit dem Ziel, in diesem Prozess alle Netzwerke,
Organisationen und Gruppen in Europa einzubeziehen.


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05  Schubhaft war rechtswidrig
  von  office at asyl-in-not.org <office at asyl-in-not.org>
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Willkürakt der BH Neusiedl am See:
Beschwerde gewonnen!
UVS-Burgenland erklärt Schubhaft für rechtswidrig.

Herr D., seine Gattin und die 18jährige Tochter sitzen seit über einem Monat
in Eisenstadt in Schubhaft. Obwohl sie legal, mit ihren Reisepässen, nach
Österreich gekommen sind und sich der Grenzkontrolle gestellt haben, wurden
sie von der Bezirkshauptmannschaft Neusiedl am See eingesperrt. Aus keinem
anderen Grund als weil sie Visa für Polen hatten. "Dublin-Bezug", heißt das
im Amtsjargon.

Vier Wochen lang hatten sie keinen Zugang zu Rechtsmitteln - bis ich
zufällig von ihrem Schicksal erfuhr und eine Haftbeschwerde einbrachte
(siehe dazu unsere Aussendung vom vorigen Freitag).

Dieser Beschwerde hat der Unabhängige Verwaltungssenat Burgenland (Mag.
Eder) nun Folge gegeben und die Schubhaft für rechtswidrig erklärt. Aus dem
UVS-Erkenntnis:

Der Dublin-Bezug "allein reicht, wie sowohl der Verfassungsgerichtshof als
auch der Verwaltungsgerichtshof mehrfach ausgeführt haben, nicht zur
Schubhaftverhängung. Vielmehr besteht in jedem Einzelfall die Verpflichtung
zu beurteilen, ob (...) der Bedarf zur Verfahrenssicherung mittels Anhaltung
in Schubhaft überhaupt gegeben und ob die Anhaltung in Schubhaft
verhältnismäßig ist.

"Dazu hat der Verfassungsgerichtshof ausgesprochen, daß selbst die
Asylantragstellung in einem anderen Staat für sich genommen noch nicht
ausreichend ist, eine Anhaltung in Schubhaft zu begründen. Die Hinweise der
BH Neusiedl, daß die Beschwerdeführer sich zuvor bereits in Polen und der
Slowakei aufgehalten hätten, vermochten somit die Schubhaft nicht zu tragen.

 "Es kam hervor, daß die Beschwerdeführer sich an der Grenzkontrollstelle
Kittsee freiwillig der Einreisekontrolle stellten, sich dem Risiko einer
(noch vor Asylantragstellung möglichen und zulässigen) Zurückweisung
aussetzten und anlässlich der von ihnen herbeigeführten Kontaktaufnahme
Asylanträge stellten. Die Beschwerdeführer suchten somit aktiv die Hilfe von
Polizeibeamten und trachteten nicht, anlässlich ihrer Einreise solchen zu
entgehen." (...)

Daher "waren die Schubhaftverhängungen als auch die bisherigen Anhaltungen
in Schubhaft antragsgemäß für rechtswidrig zu erklären."

Dieses Erkenntnis des UVS ist eine schallende Ohrfeige für die BH Neusiedl
am See, deren Wirken uns seit Jahren immer wieder aufgefallen ist. Leider
fehlen uns die Mittel, diese Umtriebe flächendeckend zu kontrollieren.

Herrn D.'s Mutter war Österreicherin und ist 1938 nach Russland emigriert.
Vor dem Bundesasylamt gab Herr D. zu Protokoll: "Es kränkt mich, daß
österreichische Landsleute mich nach Polen jagen wollen." Er habe daher den
Entschluß gefasst, ungeachtet der Probleme, die ihm dort drohen, in seine
Heimat Kaliningrad zurückzukehren.

Für Familie D. werden wir über eine Anwaltskanzlei Haftentschädigungen
einklagen. 100 Euro pro Tag und Person - eine kleine Genugtuung nur für das
ihnen zugefügte Leid. Für die Zukunft wünschen wir unseren KlientInnen alles
Gute und viel Glück.

Michael Genner
Obmann von Asyl in Not
Währingerstraße 59
1090 Wien

office at asyl-in-not.org
www.asyl-in-not.org
Tel.: 408 42 10-15; 0676 - 63 64 371
ZVR: 723727354

Spendenkonto:
Raiffeisen (Bankleitzahl 32000),
Kontonummer 5.943.139 (Asyl in Not)


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06  Gastkommentar von Riem Mahdi: Mitverantwortung statt Großzügigkeit
  von  WADI Austria <wadi.wien at gmx.at>
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Quelle: Wiener Zeitung, 1. August 2007
http://www.wienerzeitung.at/DesktopDefault.aspx?TabID=4445&Alias=wzo&cob=295811

Gastkommentar von Riem Mahdi
Mitverantwortung statt Großzügigkeit
Bei einer internationalen Konferenz über Hilfsprogramme für die geschätzten
2,2 Millionen Flüchtlinge aus dem Irak in der jordanischen Hauptstadt Amman
wurde versucht, konkrete Schritte für die Verbesserung der Situation dieser
Flüchtlinge zu setzen. Dabei darf freilich angesichts des Flüchtlingsstroms
nach Syrien und Jordanien nicht vergessen werden, dass noch einmal so viele
intern Vertriebene innerhalb des Irak ein ähnlich schreckliches Schicksal
erleben wie jene, die es nach Damaskus oder Amman geschafft haben. Zwei
Millionen Iraker konnten nämlich bisher lediglich in ein anderes Gebiet des
Irak flüchten.
Werden aus Bagdad vertriebene Kurden im vergleichsweise sicheren kurdischen
Autonomiegebiet wenigstens noch halbwegs freundlich aufgenommen, so werden
etwa Araber aus Bagdad in Sulemaniya oder Arbil vielfach verdächtigt, selbst
ein Sicherheitsrisiko darzustellen. Dass dies angesichts des Terrors im
Zentral-Irak sogar verständlich ist, ist eine der furchtbaren Logiken der
ethnisierten Gewalt, die den Irak derzeit heimsucht.
Ist das gesellschaftliche Klima zwischen Volksgruppen und Religionen einmal
vergiftet, ist dies nicht so schnell wieder zu verbessern. Unter die Räder
dieser ethnisierten Gewalt geraten dabei nicht nur jene Minderheiten, die
wie Christen, Mandäer oder Yezidi über keine bewaffneten Milizen mit von
ihnen kontrollierten Territorien verfügen, sondern die gesamte
Zivilbevölkerung, die nichts als ein Leben in Ruhe und Freiheit wünscht.
Genau das interessiert jedoch jene nicht, die den Irak zum Schauplatz ihres
globalen Jihad oder anderer machtpolitischer Ziele missbrauchen. Nach 35
Jahren baathistischer Diktatur findet so im Irak erneut ein Blutbad statt,
das einmal mehr tausende Menschenleben kostet.
Dabei ist die internationale Gemeinschaft an ihre Mitverantwortung für die
gegenwärtige Situation zu erinnern. Nicht erst mit dem Sturz des
Baath-Regimes 2003 und der Unfähigkeit der Besatzungstruppen, für die
Sicherheit der Bevölkerung zu sogen, hat die internationale Gemeinschaft im
Irak versagt. Bereits in den 35 Jahren zuvor hatten arabische, westliche und
östliche Staaten eine Diktatur unterstützt, die die irakische Gesellschaft
zu dem gemacht hat, was sie heute ist.
Auch Österreich hat dabei von Waffengeschäften mit Saddam Hussein
profitiert. Die "Nimsawi", die österreichische Noricum-Kanone, gehörte zu
den gefürchtetsten Waffen, die Saddam Hussein gegen die eigene Bevölkerung
einsetzte. Daneben profitierten auch Private, wie die Gesellschaft für
Österreichisch-Arabische Beziehungen (GÖAB), von den Zuwendungen Saddam
Husseins an seine europäischen Freunde. Daraus ergibt sich auch eine
Mitverantwortung Österreichs für die gegenwärtige Situation im Irak, eine
Verantwortung, die Österreich mit der großzügigen Aufnahme von Flüchtlingen
aus dem Irak wahrnehmen könnte.
Riem Mahdi ist Vorsitzende des Österreichisch-Irakischen
Freundschaftsvereins Iraquna (www.iraquna.at).

-- 
WADI - Verband für Krisenhilfe und solidarische
       Entwicklungszusammenarbeit

WADI-Österreich

e-mail: wadi.wien at gmx.at
website: www.wadinet.at
Tel.: 0699-11365509

Postfach 105
A-1181 Wien

SPENDENKONTO - jeder Euro hilft!
Knt. Nr.: 6.955.355
BLZ: 32.000 Raiffeisen Landesbank NÖ

IBAN  AT4432 0000 0006 955355
BIC (SWIFT)  RLNWATWW

Wir bitten um Unterzeichnung des Appells an die Österreichische Regierung
bezüglich der Aufnahme irakischer Flüchtlinge in der EU:
http://www.wadinet.at/Media/Petition/index.php




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07   ASt - Britannien: Überflutungen enthüllen Labours Gleichgültigkeit in
der Klimafrage
  von  ASt-LFI <ast-lfi at gmx.net>
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Britannien: Überflutungen enthüllen Labours Gleichgültigkeit in der
Klimafrage
Stellungnahme von Workers Power (Britische Sektion der Liga der 5.
Internationale) zur Hochwasserkatastrophe
(aus: Red Newsletter 283, Newsletter des ArbeiterInnenstandpunkt vom
1.8.2007, www.arbeiterInnenstandpunkt.net)

Am Freitag, dem 20.7., ergoss sich eine Regenmenge, die sonst in zwei
Monaten fällt, innerhalb von nur 24 Stunden über die Midlands und
Südengland. Weitere Regenfälle sind vorhergesagt. Gloucestershire und
Oxfordshire sind die am schlimmsten betroffenen Gebiete. Mehr als 2.000
Menschen mussten evakuiert werden, 45.000 Wohnungen sind ohne Strom, 35.0000
ohne Trinkwasser.

Die Überschwemmungen ereigneten sich gerade einen Monat nach ähnlichen
Unwettern, die Doncaster, Sheffield und Hull verheerend trafen. Allein in
Hull wurden 20.000 Wohnungen zerstört, und 7.000 Menschen leben noch in
Hotels oder in Behelfsunterkünften. Der Verband britischer Versicherer
beziffert die Gesamthöhe für Reparatur- und Reinigungsrechnungen für beide
Überflutungen auf annähernd 2 Milliarden britische Pfund. Auch Behörden
bestätigen, dass die diesjährige Flut schlimmere Ausmaße als jene von 1947
hat.

Auf  diesen nationalen Notstand hat die Labour-Regierung jedoch völlig
unzureichend reagiert. Die Lösungsvorschläge der anderen kapitalistischen
Parteien, der Tories (Konservative) und Liberaldemokraten, sind keinen Deut
besser.

In unheimlicher Weise ahmt die Staatsgewalt die Vorgehensweise der
Nationalgarde in den USA nach, deren erste Reaktion auf die Überschwemmung
im Gefolge des Orkans Katrina 2005 in New Orleans Schüsse auf angebliche
schwarze Plünderer waren. Die West Mercia Polizeiverwaltung gab sofort eine
Warnung gegen "Gelegenheitsdiebe., die es auf verlassene Fahrzeuge abgesehen
hätten", heraus. Zuerst Schutz des Eigentums - das ist das
Glaubensbekenntnis, welches in die Köpfe dieser Hüter des Kapitalismus
gehämmert wurde.

Fast alle kapitalistischen Politiker erkennen an, dass das Hochwasser
teilweise auf den Klimawandel zurückzuführen ist. Das Meer erwärmt sich,
mehr Wasser verdunstet und es regnet heftig und in Strömen. Doch zwischen
einer solchen Erkenntnis und einer angemessenen Reaktion darauf liegen
Welten, denn der Kapitalismus stützt sich auf Privateigentum, nationale
Grenzen und Profite.

In einem Interview mit der BBC sagte Premierminister Brown: "Wie jedes
fortgeschrittene Industrieland stellen wir uns auf einige Fragen ein, die im
Umfeld des Klimawandels liegen. Es ist ziemlich klar, dass einige der
Strukturen des 19. Jahrhunderts, mit denen wir es zu tun haben -
Infrastruktur und wo sie lokalisiert sind -, überprüft werden müssen.
Wissenschaftler sagen unmissverständlich aus, dass gehäufte Regenfälle keine
Frage des "Umfeldes eines Klimawandels" sind, sondern dessen unmittelbare
Folge. Doch unbeeindruckt davon schilderte Brown lässig die Katastrophe, die
Hunderttausende in Mitleidenschaft gezogen hat, als einmaliges Ereignis:
"Das war, wenn Sie so wollen, eine Verkettung von Zufällen, die alle 150
Jahre einmal sowohl in Yorkshire und Humberside wie auch nun in
Gloucestershire und dem Severn-Bezirk vorgekommen sind."

Brown will Ausgaben für wirkliche Schutzmaßnahmen und die Modernisierung der
Infrastruktur vermeiden. Deswegen versucht er, die Sache herunterzuspielen,
indem er sie für außergewöhnlich erklärt. Aber Wissenschaftler des
britischen Klimaauswirkungsprogramms haben die steigende Häufung und
Intensität von Überschwemmungen schon ein Jahrzehnt zuvor vorhergesagt. Die
Abteilung für Umwelt warnte davor, dass die Regierung ungenügend vorbereitet
sei auf die Nachwirkungen solcher Hochwasser wie 2004 oder 2005. In seiner
berühmten ,Klugheit' geruhte der Eisenkanzler, diesen Rat in den Wind zu
schlagen.

Baronesse Young, die Vorsitzende der umlagerten Umweltagentur, sagte, dass
mittellose Stadtverwaltungen und "deren Wassergesellschaften" (die schon
lange privatisiert sind) das Kanal- und Abwassersystem aus der
viktorianischen Ära ver- und ausbessern müssten. Hilary Benn kündigte eine
"unabhängige Prüfung" an, versprach aber nur das "Gutachten" für Pläne zum
Bau von 3 Millionen Wohnungen, viele auf überfluteten Flächen, bis 2020 "zu
verschärfen." Die Wohnungsministerin Yvette Cooper erklärte, es sei
"unrealistisch", keine Wohnungen in hochwassergefährdeten Gegenden zu bauen.

Gordon Brown hat im letzten Jahr persönlich den Rotstift bei dem
Planungshaushalt der Umweltagentur um 15 Millionen Pfund angesetzt. Die
Regierung hat jetzt vereinbart, den Ausgabenetat bis 2011 für die Agentur
von 600 Millionen auf 800 Millionen  Pfund aufzustocken. Die völlige
Unzulänglichkeit dieser Maßnahme wurde von Baronesse Young enthüllt, als sie
der BBC mitteilte, dass die Arbeit an dem Hochwasserschutzsys­tem allein 1
Milliarde im Jahr kosten würde.

Notprogramm gegen Überschwemmungen

Wir können den Kapitalisten und ihren Politikern, die ihnen dienen, nicht
den Schutz der Bevölkerung oder unserer Gemeinwesen vor den Auswirkungen der
Erderwärmung anvertrauen, geschweige denn deren Umkehr. Wir rufen darum die
Arbeiterbewegung, Umweltschutzkampagnen, Mieter- und Anwohnervereinigungen
sowie die antikapitalistische Jugend auf, eine Massenkampagne zu initiieren,
die die Regierung zwingen soll: a) ein massives öffentliches
Ausgabenprogramm für den Ausbau des Hochwasserschutzes aufzulegen und b)
ernsthafte Maßnahmen zur Verringerung der Auswirkungen des Klimawandels zu
ergreifen.

Die notwendigen Maßnahmen sollten aus einer Besteuerung der Reichen bezahlt
werden, um sicher zu gehen, dass die Überflutungskrise nicht als Ausrede
herangezogen wird, unsere öffentlichen Dienste wie den NHS (nationale
Gesundheitsversorgung) mit Kürzungen zu Leibe zu rücken.

Der Staat sollte voll für die Kosten der Evakuierungen, Aufräumarbeiten,
Reparaturen und Neubaumaßnahmen, die infolge des Hochwassers nötig wurden,
bürgen. Private Versicherer sollen gezwungen werden, den Schaden für
Anrainer und Kleinbesitzer voll zu ersetzen. Diejenigen, die sich weigern,
die Prämien anzuheben, um Flutopfer auszunehmen oder sich weigern, diese
weiter zu versichern, sollen entschädigungslos verstaatlicht werden!

Alle Politiker und Klimawandelexperten stimmen darin überein, dass solche
Unglücke zukünftig wieder passieren werden. Um uns darauf vorzubereiten,
brauchen wir eine staatliche Grundabsicherung, die für Schäden haftet, ohne
die Opfer auszubeuten. Die großen Versicherungskonzerne sollen enteignet und
in eine staatliche Einheitsversicherung übergeleitet werden, die nicht nach
dem Profitprinzip funktioniert.

Es darf keine Gemeindesteuererhöhungen geben, um für Deichreparaturen
aufzukommen; besteuert die Reichen durch Progressivsteuern auf
Betriebsgewinne und große Vermögen!

Die örtliche Arbeiterschaft soll das Schadensmaß mithilfe der Gewerkschaften
und Experten ihres Vertrauens abschätzen, Vorrangigkeit der Notarbeiten
festlegen und Aufräum- und Reparaturoperationen überwachen.

Der Klimawechsel kann verlangsamt werden. Doch wiederkehrende Hochwasser wie
2007 bleiben in unmittelbarer Zukunft eine Tatsache. Deshalb müssen
Britanniens Hochwasserschutz, Infrastruktur und neue Baupläne, z.B. für
Häuser, schwere Fluten einkalkulieren. Der Staat muss alle Vorkehrungen
treffen, die Arbeiten müssen unter Arbeiterkontrolle und mittels
verstaatlichter Industrien ausgeführt werden (Bauten, gemeinnützige
Einrichtungen u.ä.). Die privatisierten Wasserwerke sollen ohne
Entschädigungszahlungen an ihre früheren Besitzer verstaatlicht und unter
Arbeiterkontrolle betrieben werden.

Neue Häuser

Es gleicht einer Ironie, dass Wohnungsbauministerin Yvette Cooper just das
neue Grünbuch im Unterhaus vorstellte, als die Nachrichten über das Ausmaß
des Hochwassers noch spärlich durchsickerten. Die Klassenorientierung der
Antwort der Labourregierung auf die Wohnungsverknappung war eindeutig: 3
Millionen Wohnungen bis 2010, von denen kaum 70.000 "erschwinglich" und nur
45.000 für den Mietsektor sein sollen.

Kurz: Labour reagiert auf die missliche Lage der Mittelklasse und die Furcht
besser verdienender ArbeiterInnen angesichts steigender Immobilienpreise.
Millionen leben in überbelegten Heimen unter dem Standard und brauchen
billige Mietwohnungen. Doch ihren Bedürfnissen wird nur zu 1,5% der neuen
Immobilien Rechnung getragen, während jene, die sich kaum eine Teilhypothek
(sog. geteiltes Eigenkapital) leisten können, in den nächsten 3 Jahren sich
um erbärmliche 25.000 neue Wohnräume balgen müssen. Sollte es mit den Zinsen
bergauf gehen oder die Arbeitslosigkeit in den nächsten 25 Jahren steigen,
was im Kapitalismus beinahe sicher ist, werden die Hypothekenverleiher
selbst einige davon wieder in Besitz nehmen.

Cooper versuchte, Kritik an den Neubauplänen der Regierung in
Hochrisikogegenden unter Verweis auf York und London zu zerstreuen: "Sie
wissen, [York] wurde von den Römern in einem Überschwemmungsgebiet erbaut.
Downing Street 10 liegt in einer Hochwasserebene. Wenn Sie ordentlich
geschützt sind und vernünftige Deiche vor Ort haben, sind neue Häuser
sicher, müssen Sie wissen."

Doch diese Verdrehungskünstlerin sollte niemanden täuschen. York ist eine
der am häufigsten und heftigsten unter Wasser stehenden englischen Städte.
Gegenwärtig wäre es verbrecherisch, dort noch mehr Häuser hinzusetzen.
Downing Street verfügt vergleichsweise über Schutzvorrichtungen. Will Cooper
damit sagen, dass die billige Sorte Eigenheime, die sie befürwortet, alle
Vorzüge eines Schutzes à la Downing Street genießen werden? Natürlich nicht!
Labours Lobgesang auf die Marktwirtschaft wird diktieren, dass exakt die
"erschwinglichen" Heime ohne hinreichende Abwehrvorrichtungen in
Hochrisi­kogebieten gebaut werden.

Es mag nötig sein, einige neue Häuser in Hochwasserregionen zu bauen. Aber
sie sollten weder in den Hochrisikogebieten noch ohne notwendige eingebaute
Vorrichtungen in Gebäude und Infrastruktur entstehen. Darüber hinaus sollte
Wohnen ein Recht für Alle sein, keine auf dem Markt gehandelte Ware, der
durch seine wahre Natur dafür sorgt, dass es für die, die sich anständige
Wohnungen nicht leisten können, unterdurchschnittliche Varianten an
Behausungsmöglichkeiten gibt.

Wir fordern, dass die Regierung alle 3 Millionen neue Immobilien errichtet,
um den Engpass aufzuheben. Sie sollten gegen billige Mieten im öffentlichen
Sektor entstehen, über die neueste Technologie zur Verringerung der
Kohlendioxidabgase und des Abfalls verfügen sowie in den sicherst möglichen
Regionen liegen. Die Arbeiterklasse soll mit Mietervereinigungen und
Wohnviertelkomitees und Gewerkschaften darüber entscheiden, wo und welche
Sorte Häuser gebaut werden sollen.

Klimaveränderung und Sozialismus

Diese Überschwemmungen sollten jedermann deutlich machen, wie unvorbereitet
der kapitalistische Staat darauf ist, mit den Auswirkungen der
Klimaverschiebung fertig zu werden. "Ökosteuern", dazu ersonnen, Verbraucher
anzuspornen, mehr umweltverträgliche Erzeugnisse und Dienstleistungen zu
kaufen, Emissionszertifikathandel, wo die riesigen Multis und reichen
Nationen die "Verschmutzungsrechte" von anderen Kapitalisten und
halbkolonialen Ländern aufkaufen, sowie andere Marktmechanismen sind völlig
unangemessen. Mit dem CO2-Handel wird beabsichtigt, massive
Erweiterungspläne für Kohlendioxid emittierende Branchen in den entwickelten
Nationen zu schüren, indem die weniger entwickelten die Hauptlast des
Kampfes gegen den Klimawandel zu tragen gezwungen werden.

Der Kapitalismus ist durch den Kampf um Profitmaximierung und Privateigentum
gekennzeichnet. Hinzu kommt, dass er ein System von Nationalstaaten ist. All
das macht eine rationale und globale Antwort auf die Klimaveränderungen auf
dem Bodes dieses Systems unmöglich. Die Krise ist aber als globale bestimmt.
Die internationale Arbeiterklasse ist die einzige Kraft, die eine
weltumspannende Lösung durchsetzen kann - eine, die den Klimawandel frei von
den Zwangsjacken privater Profit und Nationalismus bekämpfen kann. Das ist
aber nur unter einer demokratisch geplanten Wirtschaft möglich - im
Sozialismus.

Weltweit sollte die Arbeiterbewegung als nächste Forderungen u.a. eintreten
für:

- einen organisierten Ausstieg aus der auf fossilen Brennstoffen und
Kohleverbindungen ausstoßenden Techniken beruhenden Energieerzeugung;
Weiterbeschäftigung von Werktätigen in aufgegebenen oder heruntergefahrenen
Industriezweigen ohne Lohneinbußen und Verschlechterungen sonstiger
Arbeitsbedingungen;

- Nationalisierung des Bau- und Ausrüstungsgewerbes, der Energieerzeugung
und des Verkehrswesens unter Arbeiterkontrolle ohne Entschädigungszahlungen
an die vorherigen Eigentümer, damit wir die Zukunftsentwicklung als
nachhaltige planen können, gemäß den Bedürfnissen und nicht für Profit,
damit wir die Auswirkungen der Entwicklung auf unser Klima in Rechnung
stellen können.

Das Ringen um den Erhalt der Umwelt und die Umkehrung ihrer Verschlechterung
ist Teil des revolutionären Kampfs gegen den Kapitalismus im 21.
Jahrhundert, um dem System von Umweltzerstörung, Ausbeutung und Krieg ein
Ende zu bereiten.



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08  Kunstbericht 2006: Einmalpreise statt Kontinuität
  von  IG Kultur Österreich <office at igkultur.at>
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 |||  PRESSEMITTEILUNG
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 |||  IG Kultur Österreich
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 |||  Kulturinitiativen werden ausgezeichnet, aber die Mittel werden immer
weniger!
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Im nun letzten Kunstbericht der Ära Morak-Schüssel werden noch einmal lang
geäußerte Kritikpunkte bestätigt. Die Steigerung des Budgets für
Großveranstaltungen und Events um 46,3% ist ein weiterer Beweis für die
Festivalisierung österreichischer Kulturlandschaft und wurde schon mehrfach
von verschiedensten Verbänden kritisiert. Für eine kontinuierliche und
oftmals wenig repräsentative Kulturarbeit von Kulturinitiativen gibt es da
kaum noch Platz und analysiert man die Zahlen im Detail, werden
schwerwiegende Entwicklungen sichtbar, die jedenfalls gestoppt werden
müssen:
Insgesamt ging das Budget für regionale Kulturinitiativen im Jahr 2006 zum
Vergleich des Vorjahres um -4,2% zurück, doch dem nicht genug, wurde das
Budget auch innerhalb auf sehr aufschlussreiche Weise neu verteilt. Obwohl
immer wieder behauptet wird, dass in Zukunft mehr in KünstlerInnen
investiert werden soll und weniger in Strukturen, sank die Personenförderung
um -36,7%, die Projekteförderung gar um -60%. Besonderen Niederschlag fand
diese Umverteilung im Bereich der Preise und Prämien, die sich im Jahr 2006
um +55% steigerten. Würdigungspreise sind für viele eine Anerkennung ihrer
Arbeit, jedoch lässt sich mit einmaligen Ausgelobungen keine
kontinuierliche, regionale Kulturarbeit aufrechterhalten. Ein schlagendes
Beispiel für den "Wert" von Auszeichnungen ist das Ende der Plattform
Lungaukultur, das 2006 mit dem Innovationspreis für regionale Kulturarbeit
geadelt, heute vor dem Aus steht. Es wurden insgesamt elf Preise vergeben,
acht für innovative Kulturinitiativen und drei anlässlich des "Jahres der
Menschen mit Behinderung", wobei sich die Frage aufdrängt, ob für solch
wichtige Anerkennungen nicht extra Budget zu kalkulieren wäre.

Die IG Kultur Österreich fordert mit Nachdruck ein Bekenntnis zu einer
kontinuierlichen Kulturarbeit, die sowohl von Strukturen, wie auch von
künstlerischen Projekten lebt.








||| Rückfragen



|
|---
| IG Kultur Österreich
| Gumpendorfer Str. 63b
| A-1060 Wien
|---
| Tel. +43 (01) 503 71 20
| Fax. +43 (01) 503 71 20 - 15
|---
| http://www.igkultur.at/

-   ---------------



   ||| Erklärung gemäß § 107 TKG



Angesichts einer zunehmend erdrückenden Medienkonzentration leistet der
nicht-kommerzielle Versand von kulturpolitischen Informationen einen
wichtigen Beitrag zur Herstellung diskursiver Öffentlichkeiten. Die neuen
Bestimmungen des Telekommunikationsgesetzes (TKG § 107) bedeuten eine
diesbezügliche Einschränkung, denn seit 1. März 2006 dürfen
e-Mail-Zusendungen ausschließlich mit dem Einverständnis der EmpfängerInnen
zugesendet werden.



Sollten Sie keine weiteren Informationen der IG Kultur Österreich beziehen
wollen, so ersuchen wir Sie um eine kurze Verständigung.



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09  Wir Leni Riefenstahls - Was sich seit vier Jahren im Westen des Sudan
abspielt, ist nichts anderes als ein Genozid auf Raten
  von  WADI Austria <wadi.wien at gmx.at>
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Wir Leni Riefenstahls
GASTKOMMENTAR VON THOMAS SCHMIDINGER (Die Presse)
Was sich seit vier Jahren im Westen des Sudan abspielt, ist nichts anderes
als ein Genozid auf Raten.
Man mag von der US-Regierung halten, was man will. Dass selbst Hollywood
über eine kritischere Öffentlichkeit verfügt als die EU, zeigt die jüngste
Debatte um Steven Spielbergs Beratertätigkeit für die Olympiade 2008 in
Peking. Spielberg wurde von der Hollywood-Schauspielerin Mia Farrow in einem
Leitartikel des Wall Street Journal mit dem Titel "Genocide Olympics"
beschuldigt, Peking in Bezug auf die Unterstützung des Sudan nicht genug
unter Druck gesetzt zu haben. China ist nicht nur einer der engsten
Handelspartner des Sudan, sondern liefert auch Waffen an die sudanesische
Regierung, die in der genozidalen Verfolgungskampagne in Darfur zum Einsatz
kommen. Spielberg, den Mia Farrow in ihrem Artikel fragte, ob er wirklich
als die Leni Riefenstahl der Pekinger Spiele in die Geschichte eingehen
wolle, gab nun an, sein China-Engagement überdenken zu wollen.
Was sich seit vier Jahren im Westen des Sudan abspielt, ist nichts anderes
als ein Genozid auf Raten. Die sudanesische Regierung unter Militärdiktator
Umar al-Bashir ist weder fähig noch willens, dieses Morden zu beenden, und
die Weltöffentlichkeit schaut trotz wiederholter Warnungen von
Menschenrechtsorganisationen einfach zu. Diplomatische Vorstöße ohne
wirksame Sanktionsmöglichkeiten gegen das sudanesische Regime haben sich
dabei in den letzten vier Jahren als völlig wirkungslos erwiesen.

Politisch und ökonomisch marginalisiert
Der Konflikt in Darfur reicht weit in die sudanesische Geschichte zurück.
Die Region, bis 1916 ein unabhängiges multiethnisches Sultanat, wurde als
letzter Teil in das anglo-ägyptische Kondominium des Sudan eingegliedert und
blieb seither eine ökonomisch und politisch periphere Region des Landes.
Verschärft wurde die Marginalisierung Darfurs noch durch klimatische
Veränderungen am Südrand der Sahara, die nicht nur hausgemacht sind, sondern
auch mit weltweiten Klimaveränderungen zu tun haben. In ökologisch sensiblen
Regionen wie dem Sahel wirken sich Klimaveränderungen früher und fataler aus
als irgendwo sonst. In einer Situation der zunehmenden Knappheit
lebenswichtiger Ressourcen wie Wasser und fruchtbarem Acker- und Weideland
verschärften sich Spannungen zwischen Nomaden und Bodenbauern um diese
Ressourcen.
Wäre der Sudan eine gefestigte Demokratie, hätten diese Konflikte Anlass für
Bemühungen um einen Ausgleich zwischen dem relativ wohlhabenderen Zentrum um
die Hauptstadt Khartum und der Peripherie führen können. Die
Weltöffentlichkeit hätte das Land in die Pflicht genommen und ein
Interessensausgleich zwischen nomadischen und bäuerlichen
Bevölkerungsgruppen angestrebt werden können.
Allerdings kam im Sudan 1989 mit einem Putsch ein von der Ideologie der in
Ägypten entstandenen Muslim-Bruderschaft inspiriertes Militärregime an die
Macht, das gleichermaßen islamistisch wie arabisch-nationalistisch agiert.
Von der vermeintlichen Gleichheit aller Muslime - zu denen in Darfur auch
die bäuerliche Bevölkerung der Fur, Masalit oder Daju zählen - war in der
Politik des neuen Regimes nichts zu bemerken. Vielmehr ging dieses dazu
über, die arabisierten Nomadenstämme der Baggara gezielt politisch,
ökonomisch und schließlich auch mit Waffen zu unterstützen. Nach Beginn des
Aufstands der SLM (Sudanesische Befreiungsarmee) - und später der
überwiegend von den nicht-arabischen Nomaden der Zaghawa getragenen JEM
(Bewegung für Gerechtigkeit und Gleichheit) - im Jahr 2003 wurde aus dieser
klammheimlichen Unterstützung ein offen militärisches Abenteuer. Die von der
Regierung bewaffneten Nomaden der Janjaweed-Milizen kämpfen seither Seite an
Seite mit der offiziellen Regierungsarmee gegen jene Bevölkerungsgruppen,
die vermeintlich oder tatsächlich die Rebellen unterstützen.

Grenzüberschreitende Verfolgungen
Seit 2003 wurden in Darfur mindestens zwischen 300.000 und einer halben
Million Menschen ermordet. Frauen und Mädchen wurden zu Tausenden
systematisch von den Milizen vergewaltigt. Fast drei Millionen Menschen
befinden sich auf der Flucht und leben unter erbärmlichen Bedingungen als
IDPs (Intern vertriebene Flüchtlinge) im Sudan oder in Flüchtlingscamps im
Tschad oder in der Zentralafrikanischen Republik. Dabei sind die Flüchtlinge
keineswegs in Sicherheit, wenn sie erst einmal die Grenze zu den
Nachbarstaaten überschritten haben. Einerseits geht das Sterben in den Camps
aufgrund schlechter hygienischer Bedingungen und Krankheiten weiter,
andererseits kam es in den vergangenen Jahren immer wieder zu systematischen
grenzüberschreitenden Verfolgungen, bei denen sudanesische Milizen - und
teilweise auch offizielles Militär - Flüchtlinge auf tschadischem
Territorium verfolgten, wo sie wiederum mit tschadischen Rebellen
kooperieren.
Es würde den Rahmen eines solchen Kommentars sprengen, die genauen
militärischen Ereignisse, Spaltungen und Neugründungen von Guerillagruppen
oder die vergeblichen Versuche der internationalen Gemeinschaft, dem Morden
ein Ende zu setzen, zu schildern. Das Entscheidende ist, dass keine dieser
Bemühungen bislang von realen Erfolgen begleitet war und stattdessen die
gesamte Region in die Hände von Warlords gefallen ist. Durch massiven Druck
von außen erzwungene Friedensverträge hatten bislang nur die Spaltung einer
der beiden wichtigsten Rebellenorganisationen, der SLM, zur Folge. Ein Teil
der SLM unter Minni Minnawi zieht seither auf Seiten des Regimes gegen die
andere Fraktion der SLM und die anderen Guerillagruppen in den Krieg und
erweist sich dabei nicht als weniger grausam als die Janjaweed selbst.

An das Morden in Darfur gewöhnt
Die internationale Gemeinschaft hat sich an das Morden in Darfur gewöhnt.
Arabische Staaten und auch die meisten arabischen Intellektuellen, die sonst
bei Menschenrechtsverletzungen durch Israelis oder US-Amerikaner sehr laut
protestieren, interessieren sich mit wenigen Ausnahmen nicht für die
Menschenrechtsverletzungen, die ihre "arabischen Brüder" an Nicht-Arabern
begehen. Lediglich die in Frankreich beheimatete Gruppe der "Manifeste des
libertés" initiierte 2006 einen Appell arabischer Intellektueller gegen das
Morden in Darfur, mit dem sie auch "gegen das Schweigen der arabischen Welt
zu dieser Frage" protestieren. In den USA haben sich zivilgesellschaftliche
und auch religiöse Gruppen in einer breiten Koalition unter dem Namen "Save
Darfur" zusammengeschlossen, um gegen die Untätigkeit der internationalen
Gemeinschaft und der eigenen Regierung zu protestieren. China gehört sowieso
zu den Hauptverbündeten des Sudan, und Europa schließt sich dem Schweigen
über die genozidalen Verfolgungen an. Außer einigen wenigen Politikern, wie
der deutschen Bundestagsabgeordneten Claudia Roth, und einigen NGOs
interessiert sich niemand für den Massenmord.
Es mag unangenehm sein, sich mit Darfur auseinanderzusetzen. Der Fall ist
kompliziert, und angesichts der Probleme, die sich aus schlecht geplanten
militärischen Abenteuern wie Afghanistan und dem Irak ergeben, ist es
verständlich, dass Europa vor einem militärischen Eingreifen zurückschreckt.
Trotzdem ist es eine Tatsache, dass die bisherigen Schritte der
internationalen Gemeinschaft nicht ausreichten und dass sich ohne
militärisches Drohpotenzial das sudanesische Regime nicht beeindrucken
lässt. Ob eine 26.000 Mann starke UN-Friedenstruppe daran etwas ändern wird,
muss erst einmal bewiesen werden. Das Morden in Darfur geht weiter, bis die
ethnische Säuberung ihr erfolgreiches Ende gefunden hat.

Wegsehen der EU ist ein Verbrechen
Das politische Gewicht, über das die EU mittlerweile global verfügt, macht
es zum Verbrechen, in solchen Fällen einfach wegzusehen und dann - wie vor
13 Jahren in Ruanda - nachträglich zu fragen, warum niemand eingeschritten
ist. Wenn die europäischen Regierungen sich diesbezüglich schon nicht
berufen fühlen, entschieden, aber auch klug einzuschreiten, dann sollten
sich hierzulande wenigstens kritische Intellektuelle, NGOs und
Kulturschaffende etwas von der kritischen US-Öffentlichkeit abschauen und
entsprechendes Handeln einfordern. (S. 1, 2, 31)
Thomas Schmidinger ist Lehrbeauftragter am Institut für Politikwissenschaft
der Universität Wien und Obmann der im Nahen Osten tätigen Hilfsorganisation
WADI.
Die Presse, 2. August 2007

http://www.diepresse.com/home/meinung/gastkommentar/320840/index.do


-- 
WADI - Verband für Krisenhilfe und solidarische
       Entwicklungszusammenarbeit

WADI-Österreich

e-mail: wadi.wien at gmx.at
website: www.wadinet.at
Tel.: 0699-11365509

Postfach 105
A-1181 Wien

SPENDENKONTO - jeder Euro hilft!
Knt. Nr.: 6.955.355
BLZ: 32.000 Raiffeisen Landesbank NÖ

IBAN  AT4432 0000 0006 955355
BIC (SWIFT)  RLNWATWW

Wir bitten um Unterzeichnung des Appells an die Österreichische Regierung
bezüglich der Aufnahme irakischer Flüchtlinge in der EU:
http://www.wadinet.at/Media/Petition/index.php



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10  SPÖ erhebt Forderung nach Straffreiheit von  Musikdownloads
  von  "q/depesche" <depesche at quintessenz.org>
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q/depesche 2007-08-02T00:28:44

SPÖ erhebt Forderung nach Straffreiheit von Musikdownloads

Als Reaktion auf den q/talk der q/uintessenz im Wiener Museumsquartier
fordert Siegi Lindenmayer (SPÖ), dass der Musikdownload im Internet
straffrei bleiben soll:

"Das Downloaden für den Privatgebrauch muss unverändert straffrei bleiben,
die Musikindustrie soll ihr Managementversagen der letzten Jahre und das
lange Verschlafen moderner Technologien nicht am Rücken ihrer eigenen
Konsumenten abreagieren", sagt Siegi Lindenmayr (SPÖ).

Wir nehmen diesen Standpunkt wohlwollend zur Kenntnis und erwarten, dass
die SPÖ als Regierungspartei dies bei Umsetzung der Gesetze beachtet.

-.-. --.- -.-. --.- -.-. --.- -.-. --.- -.-. --.- -.-. --.-
SPÖ: "Filesharing ist nach wie vor weder Verbrechen noch Raub"

http://derstandard.at/?id=2981581

SP-Lindenmayr: "Musikindustrie will offenbar zurück ins Mittelalter" -
Kopieren für den Privatgebrauch ist in Österreich straffrei
"Filesharing von Musikdateien über das Internet ist juristisch nach wie vor
weder Verbrechen noch Raub, wie es uns fälschlicherweise in drastischen
Werbespots vorgemacht wird", erklärt der SPÖ-Gemeinderat Siegi Lindenmayr
bezugnehmend auf eine am Dienstag abgehaltenene Veranstaltung zum Thema
Musik-Tauschbörsen im Museumsquartier. Schwerpunkt der Veranstaltung des
Vereins "quintessenz" war eine Bestandsaufnahme der aktuellen Lage.

[ ... ]

"Das Downloaden für den Privatgebrauch muss unverändert straffrei bleiben,
die Musikindustrie soll ihr Managementversagen der letzten Jahre und das
lange Verschlafen moderner Technologien nicht am Rücken ihrer eigenen
Konsumenten abreagieren", sagt Siegi Lindenmayr.(red)

Siehe auch:

http://www.ots.at/presseaussendung.php?schluessel=OTS_20070801_OTS0172

Musikdownloads - SP-Lindenmayr: "Musikindustrie will offenbar zurück ins
Mittelalter"

Utl.: Kopieren von Musikstücken für den Privatgebrauch ist in
Österreich weiterhin straffrei möglich

- -.-. --.- -.-. --.- -.-. --.- -.-. --.- -.-. --.- -.-. --.-
  relayed by Chris
- -.-. --.- -.-. --.- -.-. --.- -.-. --.- -.-. --.- -.-. --.-

Online Version: http://quintessenz.at/d/000100003902
quintessenz is powered by http://www.onstage.at
subscribe/unsubscribe/digest
http://www.quintessenz.at/cgi-bin/index?funktion=subscribe
comments to depesche at quintessenz.org



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11  Öffentliche Hinrichtung in Teheran
  von  WADI Austria <wadi.wien at gmx.at>
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Öffentliche Hinrichtung in Teheran

Presseaussendung von WADI, 2. August 2007    www.wadinet.at
Erstmals seit fünf Jahren fand heute in der iranischen Hauptstadt Teheran
wieder eine öffentliche Hinrichtung statt. Zwei Männer waren zum Tode
verteilt worden, weil sie 2005 einen konservativen Richter ermordet haben
sollen.

Die Hinrichtung fand am zweiten Jahrestag der Tat am Ort des Verbrechens im
Zentrum Teherans statt. Der ermordete Richter war für viele politisch
motivierte stark kritisierte Urteile verantwortlich. Unter anderem hatte er
den prominenten Regierungskritiker Akbar Gandschi zu sechs Jahren Haft
verurteilt. Erst am Mittwoch waren in der ostiranischen Stadt Maschad sieben
verurteilte Straftäter öffentlich hingerichtet worden. Allein im Juli wurden
in Teheran 12 Todesurteile vollstreckt.

Menschenrechtsorganisationen, Politiker und NGOs üben nun scharfe Kritik.
Die im Nahen Osten tätige Hilfsorganisation WADI kritisierte heute die
Hinrichtungen als "barbarischen Akt der durch nichts gerechtfertigt ist".
"Mit der derzeitigen Hinrichtungswelle im Iran scheint die derzeitige
Regierung die Zeit wieder zurückdrehen zu wollen und spärlichen
Liberalisierungsschritte unter Präsident Khatami wieder rückgängig zu
machen." kritisierte WADI-Obmann Thomas Schmidinger und forderte zugleich
die OMV auf, ihre Geschäftsbeziehungen mit dem Iran zu nutzen um auf die
iranische Führung mäßigend einzuwirken: "Der Iran will mit Europa Geschäfte
machen. Die OMV hätte mit ihrem Deal mit dem Iran die Möglichkeit hier ihr
ökonomisches Gewicht in die Waagschaale zu werfen." Einen ähnlichen Appell
hatte vor Kurzem die außenpolitische Sprecherin der Grünen, Ulrike Lunacek,
im Zusammenhang mit den beiden Journalisten beiden Journalisten Adnan
Hassanpour und Abdolvahed "Hiwa" Botimar an die OMV gerichtet, die
alljährlich gemeinsam mit "Reporter ohne Grenzen" den "Press Freedom Award",
einen Menschenrechtspreis für engagierte JournalistInnen, vergibt. Die
kurdischen Journalisten wurden aus politischen Gründen zum Tode verurteilt
und befinden sich derzeit an einem unbekannten Ort wo ihnen Folter und
Mißhandlungen drohen.
WADI-Obmann Schmidinger, der erst vor Kurzem Iranisch-Kurdistan bereiste:
"In den kurdischen Gebieten des Iran ist die staatliche Repression
wesentlich präsenter als in anderen Teilen des Landes. Aufgrund der hier
sehr stark präsenten Oppositionsgruppen geht das Regime mit besonderer Härte
gegen kurdische Intellektuelle vor."

Seit der Machtübernahme Mahmud Ahmedinejads als iranischem Präsidenten hat
sich die Praxis der Todesstrafe im Iran wieder deutlich verschärft. In
diesem Jahr wurden im Iran bereits mindestens 151 Menschen hingerichtet. Vor
allem in Provinzstädten werden Todesurteile immer wieder öffentlich
vollstreckt. Im Iran können außer Mord unter anderem Vergewaltigung,
Ehebruch, Landesverrat, Spionage, homosexuelle Handlungen und Drogenhandel
mit der Todesstrafe geahndet werden.

Rückfragehinweis: WADI: 069911365509


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       Entwicklungszusammenarbeit

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Wir bitten um Unterzeichnung des Appells an die Österreichische Regierung
bezüglich der Aufnahme irakischer Flüchtlinge in der EU:
http://www.wadinet.at/Media/Petition/index.php







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G8/GIPFELSOLI & INTERNATIONALE SOLIDARITÄT
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12  Gipfelsoli Newsletter] Heiligendamm
   von  Öffentlicher Verteiler der Gipfelsoli-Infogruppe
   <gipfelsoli-l at lists.nadir.org>
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Gipfelinfo - Meldungen über globalisierte Solidarität
   und die Proteste gegen unsolidarische Globalisierung
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Download pdf mit Fußnoten:
www.gipfelsoli.org/Media/aufbau_sicherheitsarchitektur.pdf

Aufbau der "Sicherheitsarchitektur" zum G8 2007
Maßnahmen gegen den Gipfelprotest - Eine deutsche "Großlage"

Die Vorbereitung der "polizeilichen Großlage G8 2007" ist durchzogen vom
Zusammenwirken staatlicher Institutionen, informellen Absprachen,
Falschinformation und Manipulation. Das meiste lässt sich von außen schwer
rekonstruieren. Dieser Text versucht eine Sichtbarmachung der Anstrengungen
von
"Sicherheitsbehörden", den Protest gegen die Zurschaustellung
kapitalistischer
Verhältnisse zu spalten, zu vereinnahmen oder mittels Repression zu
verhindern.
Gipfelereignisse sind ein Labor für neue Technik und Taktik, dazu ein
Katalysator für Gesetzesänderungen und internationale Zusammenarbeit [1].
Insofern soll diese Dokumentation die kritische Analyse einer neuen
Polizeiarbeit aus linker Perspektive erleichtern.

Internationale "Wissensabschöpfung bei vergleichbaren Polizeieinsätzen"

Am 23. Dezember 2004 übermittelt die Bundesregierung der Landesregierung
Mecklenburg-Vorpommerns die Entscheidung, den G8-Gipfel 2007 in Heiligendamm
zu
veranstalten. Sofort wird im Landesinnenministerium die "Projektgruppe G8"
unter
Leitung von Polizeioberrat (POR) Koppenhagen eingerichtet. Die Verantwortung
liegt beim damals noch von der SPD geführten Innenministerium. Auf
Bundesebene
wird der Einsatz in der Innenministerkonferenz (IMK) erörtert. Hierfür wird
in
einer Projektgruppe des "Unterausschusses Führung, Einsatz und
Kriminalitätsbekämpfung" (UAFEK) der IMK eine "Rahmenkonzeption" unter
Beteiligung der "AG Kripo" zur "Durchführung abgestimmter polizeilicher
Maßnahmen der Länder und des Bundes" erarbeitet [2]. Vorsitzender der IMK
ist
der Berliner Innensenator Ehrhart Körting.

Erste Schritte der Projektgruppen der IMK und des Innenministeriums MV sind
die
"Wissensabschöpfung bei vergleichbaren Polizeieinsätzen in Deutschland" und
Besuche anderer Gipfelereignisse wie dem G8 2005 in Gleneagles und der
Welthandelsorganisation (WTO)-Konferenz in Hong Kong. Später wird der Leiter
der Polizeidirektion Rostock, Knut Abramowski, als "Polizeiführer" des
polizeilichen Einsatzes benannt.

Besonders aufgebaut: Kavala

Seit 1. September 2005 existiert die "Besondere Aufbauorganisation (BAO)
Kavala", zunächst mit 4 Mitarbeitern. Aufgabe ist die Vorbereitung der
"Großlage G8 2007". Organisatorisch ist die BAO der Polizeidirektion Rostock
zugeordnet. Als erste Untergruppen beginnen unter anderem der
Einsatzabschnitt
Aufklärung (EA 1) und die Einsatzbegleitende Presse- und
Öffentlichkeitsarbeit
(EA 3) am 1. Dezember mit der Arbeit, nun mit 25 Mitarbeitern.

Konkrete Ziele sind laut Innenministerium
* "die Sicherheit der Staatsgäste und der besonders gefährdeten sonstigen
Teilnehmer des Gipfeltreffens uneingeschränkt zu gewährleisten,
* einen störungsfreien Verlauf des Gipfeltreffens sicherzustellen,
* anlassbezogene Straftaten und Ordnungswidrigkeiten zu verhindern bzw.
beweissicher zu verfolgen,
* Störungen frühzeitig zu erkennen, zu verhindern bzw. zu beseitigen und
Angriffe abzuwehren,
* anlassbezogene Beeinträchtigungen unbeteiligter Dritter zu minimieren".

Laut der Webseite von BAO Kavala , die über die allgemeine Webpräsenz der
Polizei MV zu erreichen war, besteht die Aufgabe in der "Steuerung von
Informationen über Protestteilnehmer, Erfassung gewaltbereiten
Konfliktpotenzials, Beurteilung der Gefährdungslage, Abwehr von Angriffen"
[3].
Außerdem werden ihr alle anderen Polizeiaufgaben übertragen: Logistik für
Unterbringung und Versorgung der Einsatzkräfte, Befehlsstellen für einen
Gesamtführungsstab und Führungsstäbe der Einsatzabschnitte schaffen, Aufbau
der
Kommunikationsinfrastruktur, Errichtung eines temporären digitalen
Funknetzes,
Aufbau redundanter Systeme (z. B. Richtfunkstrecken und
Notstromversorgungen).

Zum 1. März 2006 hat der Vorbereitungsstab 45 MitarbeiterInnen [4]. Bis zum
6.
November ist Kavala provisorisch im "Siemensgebäude" in Rostock-Schmarl
untergebracht. Später wird ein "modernisiertes Dienstgebäude" der ehemaligen
Liegenschaft der Bereitschaftspolizei in Waldeck bezogen. Mit dem Umzug
beginnt
die konkrete Einsatzplanung mit nunmehr 130 Polizeikräften. Weitere 55
MitarbeiterInnen sind mit Unterbringung und Verpflegung sowie technischer
und
logistischer Ausstattung als "Projektgruppe Weltwirtschaftsgipfel 2007 des
Landesamtes für zentrale Aufgaben und Technik der Polizei, Brand- und
Katastrophenschutz" beauftragt.
Einsatzleiter für den Abschnitt Heiligendamm werden POR Thomas Dabel und
Polizeidirektor Alfred Tilch. Tilch ist aus dem Wendland berüchtigt wegen
seiner Brutalität. Mehrere Verfahren wegen illegalen Polizeikesseln wurden
eingestellt.

"Nur 80% des Einsatzes in der Verantwortung des Landes MV"

Die "Sicherung" des eigentlichen Gipfeltreffens innerhalb des späteren Zauns
obliegt dem Bundesinnenministerium und damit Bundeskriminalamt ("Innenschutz
der Tagungs- und Aufenthaltsorte") und Bundespolizei ("unmittelbar
angrenzende
Geländeabschnitte). Für deren Einsatz wird im Polizeipräsidium Nord in Bad
Bramstedt (Schleswig-Holstein) ein Lagezentrum eingerichtet [5]. Leiter des
Einsatzes wird dessen Vizepräsident Lison. In Bad Bramstedt befindet sich
die
"Gemeinsame Flugeinsatzzentrale von Bundeswehr und Polizei".

BKA und Bundespolizei entwickeln eigene Sicherheitskonzepte, die "mit allen
beteiligten Sicherheitsbehörden in zahlreichen Sitzungen auf verschiedenen
Arbeits- und Führungsebenen erörtert und angepasst" und "mit den
Veranstaltungskonzepten des Auswärtigen Amtes sowie des Bundespresseamtes
abgestimmt" werden [6]. "Verbindungsbeamte" werden in den "Führungsstab
Informations- und Koordinierungsaufgaben" von Kavala entsandt.

Originäre Aufgaben des BKA sind
* "Personenschutz sowie der Schutz der Aufenthaltsräume für Mitglieder der
Verfassungsorgane des Bundes sowie deren Gäste aus anderen Staaten gemäß § 5
des Bundeskriminalamtsgesetzes (BKAG),
* der Informationsaustausch als "Zentralstelle Großveranstaltung" (national)
und
"Nationale Kontaktstelle für öffentliche Ordnung und Sicherheit"
(international)
gemäß §§ 2, 3 BKAG in Verbindung mit den für den G8-Gipfel und vergleichbare
Veranstaltungen beschlossenen Konzeptionen,
* die Einrichtung einer BAO zur Sicherstellung der Strafverfolgung in Fällen
von
Straftaten, die sich gegen das Leben oder die Freiheit der Gäste der
Verfassungsorgane des Bundes aus anderen Staaten richten".

Mindestens 2.000 Beamte der Bundespolizei und 1.200 des BKA sind vorerst
eingeplant. Auch bei der Bundespolizei wird eine "Besondere
Aufbauorganisation"
gegründet, die "BAO Bahn- und Luftsicherheit, Grenzen". Aufgabe ist die
"Sicherung aller Veranstaltungen, die im Zusammenhang mit dem deutschen
G8-Vorsitz und der deutschen EU-Präsidentschaft stehen". Sie koordiniert mit
"Verbindungsbeamten ausländischer Polizeiapparate" Einreisesperren und will
"..den anderen den Rücken freihalten". Gemeint sind Kavala und BKA: "Wir
telefonieren täglich miteinander" [7].

Neben der Verhinderung der "Einreise insbesondere erkennbar gewaltbereiter
Personen sowie potenzieller politisch motivierter Straftäter" soll die
Bundespolizei "Ausschreitungen und Gewalttätigkeiten während der An- und
Rückreise in Zügen sowie unerlaubte Einwirkungen auf Benutzer, Anlagen und
Verkehrsmittel der Eisenbahnen des Bundes" verhindern. Für Reisesperren
werden
Datensätze früherer Gipfelproteste verwendet: "Ich habe eine entsprechende
Gewalttäterzahl vom Gipfeltreffen 2001 in Genua, doch die sage ich nicht",
erklärt Vizepräsident Lison, "die Beamten bekommen eine spezielle Broschüre
wie
im Falle Castor und wurden politisch geschult". Die Bundespolizei verfügt
über 6
eigene Küstenboote und 88 Hubschrauber, die "jederzeit abrufbereit" sind.
Logistisch eingebunden sind auch mobile Küchen und Sanitätskräfte [8].

Für den Zeitraum vom 4. bis 9. Juni 2007 wird beim BKA die "BAO zur
Sicherstellung der Strafverfolgung in Fällen von Straftaten" (innerhalb des
Zauns) mit 167 BeamtInnen eingerichtet. Das BKA hilft Kavala mit "verdeckten
polizeilichen Maßnahmen". Dafür existiert eine Datei "G8" als "Zentralstelle
für die Verarbeitung sowohl eigener BKA- als auch Ländererkenntnisse". Dort
sind "Erkenntnisse aus Berichten, Meldungen und sonstigen Informationen im
Themenzusammenhang G8 gespeichert, offiziell "insgesamt 235 Personen-, 39
Gruppen- sowie 62 Objektdatensätze". Mit ausländischen Polizeistellen
erfolgt
"eine phasenweise Verdichtung der Informationen". Ebenfalls im
Zuständigkeitsbereich des BKA liegt die "Sicherheitsüberprüfung" von
Anträgen
auf Akkreditierung von JournalistInnen beim Bundespresseamt [9].

Neben den größeren Behörden sind weitere "Sicherheitsknoten" involviert.
Beim
Landeskriminalamt wird eine Kommission "M-V Sonderlage G8" eingerichtet.
Ebenfalls beteiligt sind die Wasserschutz-Polizeidirektion, das Institut
polizeiliche Aus- und Fortbildung Güstrow und die sogenannten "Informations-
und Sammelstellen G8" bei anderen Polizeipräsidien/ -direktionen oder LKA.
Letztere existieren beim Polizeipräsidium Potsdam und Berlin, der
Polizeidirektion Lüneburg (ISA Castor) und den LKA Hannover, Kiel und
Bremen.
Außerdem wurden "neunzehn ausländische Delegationsführer, die am G8-Gipfel
teilgenommen haben, durch eigene, bewaffnete Sicherheitskräfte begleitet.
Insgesamt hat das BKA beim Bundesverwaltungsamt 265 Waffentrageerlaubnisse
für
ausländische Sicherheitskräfte beantragt. Diese Kräfte sind für die
Sicherheit
ihrer Delegationen verantwortlich. Sie werden in der
taktisch-konzeptionellen
Ausrichtung des Einsatzes berücksichtigt" [10].
Der Einsatz der "Sicherheitsbehörden" in der Ostsee wird in der neuen
Leitstelle
in Cuxhaven koordiniert. Die Leitstelle ist Teil des "Maritimen
Sicherheitszentrums" von Bund und Ländern.

Hello Mr. President!

Der Bush-Besuch vom 12. - 14. Juli 2006 in Stralsund ist die Generalprobe
für
Kavala . Ab 11. Mai wird die BAO mit Planung und Führung des Einsatzes
beauftragt: "Erschwerend bei der Einsatzplanung war nicht nur der relativ
kurze
Vorbereitungszeitraum von zehn Wochen, sondern auch die breite Streuung der
Aufenthaltsorte des amerikanischen Präsidenten in Mecklenburg- Vorpommern.
Die
Unterkunft lag in Heiligendamm, der An- und Abreiseflughafen das südlich von
Rostock gelegene Laage, und die beiden Besuchsorte Stralsund und
Trinwillershagen lagen über 35 km auseinander".
4.000 PolizistInnen sind im Einsatz. Die Innenstadt wird komplett
abgeriegelt,
Fahrzeuge mehr als 100 Kilometer vor Stralsund gestoppt. Der Einsatz lässt
Rückschlüsse auf die Taktik in Heiligendamm zu. "Polizeiführer" Qualmann:
"Durch die gewählte Einsatztaktik konnten gewalttätige Übergriffe einiger
Störer auf ein Minimum reduziert werden. Dieser Erfolg ist keine
Einzelleistung. Er ist Ergebnis einer exakten Lagebeurteilung durch den
Vorbereitungsstab und des Zusammenwirkens aller unterstützenden und
eingesetzten Kräfte".

Für den Bush-Besuch wird Kavala in 14 Einsatzabschnitte unterteilt [11].
Diese
Struktur wird für den G8 weitgehend übernommen. Neu gegründet wird ein
Stabsbereich 2 und die "Projektgruppe Weltwirtschaftsgipfel (WWG) G8 des
Landesamtes für zentrale Aufgaben und Technik der Polizei, Brand- und
Katastrophenschutz Mecklenburg-Vorpommern (LPBK M-V)". Mehrmals werden
Einsatzabschnitte umstrukturiert.

Mehr Sicherheit für MV

Im Juni 2006 erhält Mecklenburg-Vorpommern ein geändertes "Sicherheits- und
Ordnungsgesetz": "Mit dem vorliegenden Gesetzentwurf soll die Polizei in
erster
Linie diejenigen neuen Befugnisse erhalten, auf die sie aufgrund aktueller
Entwicklungen im Bereich der Organisierten Kriminalität und des
Internationalen
Terrorismus, aber auch im Hinblick auf die fortschreitende Entwicklung
Europas
zu einem Raum der Freiheit, der Sicherheit und des Rechts zur
Aufrechterhaltung
der inneren Sicherheit nicht länger verzichten kann" (aus der Begründung des
Gesetzentwurfes von SPD/ Linkspartei.PDS).
Die Linkspartei.PDS stimmt dem Gesetzentwurf zu, damit im Gegenzug ein von
ihr
gefordertes "Gesetz zur Informationsfreiheit" verabschiedet wird. Allen
Interessierten erschließt sich sofort, dass das "Sicherheits- und
Ordnungsgesetz" in Hinblick auf den G8 verabschiedet wird. Die
Kompetenzerweiterungen nach der "Novellierung":
* Videoüberwachung des öffentlichen Raums
* Automatisches Kfz-Kennzeichen-Lesesystem (AKLS)
* Präventive Telekommunikationsüberwachung
* Ausweitung der "Rasterfahndung"
* Zwangsweise Blutabnahme
* Videoaufzeichungen in Polizeifahrzeugen zwecks "Eigensicherung"

Im August wird in Steinhagen bei Neu-Bukow das G8-Vorbereitungscamp
"Campinski"
aufgebaut, für die Polizei eine neue Generalprobe. Der Bereich um
Heiligendamm
wird zur "Sicherheitszone" erklärt, anlaßunabhängige Kontrollen sind die
Regel.
Kennzeichen an- und abfahrender Fahrzeuge werden notiert [12].

Anfang November 2006 gibt die SPD das Ressort des Innenministeriums in MV
ab.
Neuer Innerminister wird Lorenz Caffier (CDU). Der aus dem Amt scheidende
Timm
meint, MV sei "derzeit aus finanzpolitischer und sicherheitspolitischer
Sicht
nicht in der Lage" den G8-Gipfel auszurichten. Caffier behauptet, der G8 sei
"eine große Chance für das Land", er werde "alle eventuell anstehenden
Probleme" lösen [13].

Einheiten der Feuerwehr und Sanitäter, Rettungskräfte und
Versorgungsbetriebe
aus den Landkreisen Bad Doberan, Güstrow und Stadt Rostock konstituieren
sich
für den G8 als "BAO NIPOG" ("nichtpolizeiliche Gefahrenabwehr"). Sie sollen
bei
"Schadenslagen, die daraus resultierenden Folgen für Menschen, Sachwerte und
die
Umwelt, auf ein Minimum reduzieren". Die Polizei kann sich einen Einsatz bei
"terroristischen Anschlägen oder Großdemonstrationen" vorstellen. "Im
Einsatzraum ergeben sich viele Schnittpunkte zum polizeilichen
Aufgabenfeld".
Die BAO NIPOG unterhält ein Lagezentrum in Rostock, dort ist auch Kavala
präsent.

Einsatzbegleitende Polizeipropaganda

Kavala ist laut Innenministerium darauf ausgelegt, eine "aktive Presse- und
Öffentlichkeitsarbeit in enger Zusammenarbeit mit den anderen
Verantwortungsträgern" zu betreiben. "Ziel ist es, schon weit vor dem
eigentlichen Ereignis die Öffentlichkeit über die Auswirkungen der
polizeilichen Maßnahmen zu informieren. Neben der Vermittlung eines
positiven
Sicherheitsgefühls in der Öffentlichkeit gilt es auch, Verständnis für die
voraussichtlichen Einschränkungen der Bürgerinnen und Bürger durch die
notwendigen polizeilichen Maßnahmen einzuwerben".
Leiter des "Einsatzabschnitt 3" wird POR Gunnar Mächler. Sprecher Axel
Falkenberg erklärt, die Medien seien "heiß", "die Vorbereitungen sind
getroffen, es kann losgehen". Um nicht den "selbsternannten Gipfelkritikern
das
Podium der Berichterstattung für eigenen Protest" zu überlassen beginnt
Kavala
mit Gegenpropaganda. Der Gesamteinsatz wird regelmäßig mit dem Presse- und
Informationsamt der Bundesregierung abgestimmt.

Kavala wird zur Marke und legt sich ein eigenes Logo zu. Für alle am
Gesamteinsatz beteiligten PolizistInnen druckt der "EA 3" zwei Ausgaben
eines
"Kavala-Report". Dort werden sie von Innenminister Caffier an ihre Pflicht
erinnert: "Ihre Familien werden wieder einmal wegen eines polizeilichen
Anlasses zurückstehen. Das ist nicht immer selbstverständlich und dafür
danke
ich Ihnen bereits jetzt. Ich wünsche mir, dass die Polizei durch
rechtsstaatliches und entschlossenes Handeln, ihren guten Ruf in Europa und
der
Welt weiter festigen wird".
Die Broschüre soll auf den Gipfel-Kurs des Kanzleramts einschwören. Der
sieht
bekanntermaßen so aus, dass vor denen gewarnt werden muss, die in ihrer
Kritik
am Kapitalismus nicht an "technischen Sperren" halt machen. Die "Abteilung
Aufklärung" erklärt Bereitschaftspolizisten aller Bundesländer das Feindbild
"Antiglobalisierungsbewegung", auf die in Göteborg und Genua wegen
"Plünderungen, Sprengstoffanschlägen, Ausschreitungen" geschossen werden
musste. Zur Rebel Clowns Army: "Mitglieder (sic!) verkleiden sich zu
bestimmten
Veranstaltungen, Aktionen und Demonstrationen clownartig um Verwirrung zu
stiften. Ziel ist es, die Polizei und deren Maßnahmen zu veralbern und
dadurch
die Polizeibeamten zu provozieren. Dazu gehören u. a. Einreihungen in die
Polizeikette, Nachspiel von polizeilichen Eingriffen wie die Auflösung einer
Sitzblockade etc." [14].

Im Herbst und Winter 2006 zieht der Einsatzabschnitt 3 mit sogenannten
"Bürgerversammlungen" durch die Dörfer rund um Heiligendamm und warnt vor
den
"Chaoten". Durch die Blume wird in Hinter Bollhagen bereits ein Totalverbot
von
Demonstrationen angekündigt: "So viele lassen wir hier nicht durch!".
Neu ist auch die Vorbereitung eines sogenannten "Infokanals" für die
Bereitschaftspolizei der Länder. Mit Musik und Entertainer wird "in lockerer
Art und Weise über Einsatzgeschehen, besondere Vorkommnisse und allgemeine
Dinge informiert". Die Polizei verbreitet darüber später auch ihre
Falschmeldungen. Vom "EA 3" wird auch eine "Präventive Radiospotkampagne"
verantwortet. Mit Unterstützung lokaler Radiosender lanciert Kavala kurz vor
dem Gipfel Radiospots gegen Gipfelprotest [15].

Eine aggressive Medienstrategie ist europäischen Polizeibehörden für
Gipfelproteste im "Sicherheitshandbuch zur Verwendung durch die
Polizeibehörden
und -dienste bei Tagungen des Europäischen Rates und ähnlicher
Veranstaltungen"
[16] (ENFOPOL 123) auf Europa-Ebene empfohlen:
"Um eine präzise und zeitige Berichterstattung von internationalen
Veranstaltungen in den Medien zu gewährleisten, muss eine predeterminierte
Medienstrategie bereits im Vorfeld, sowie während und nach der Veranstaltung
existieren. Der Presse sollte die höchstmögliche Freiheit gegeben werden,
über
das Ereignis zu berichten. Die Medienstrategie sollte auf Offenheit und
Transparenz ausgerichtet sein. Es wird empfohlen, dass es eine einzige
Anlaufstelle für die Presse gibt, damit der Kontakt am besten koordiniert
werden kann. Schon lange im Voraus sollte der austragende Mitgliedsstaat
eine
Medienstrategie haben, die die folgenden Anliegen reguliert:
* Anlaufstelle für die Presse, die Pressanfragen an die richtigen
AnsprechpartnerInnen weiterleitet,
* Kompetenzbereiche für jede PressesprecherIn,
* Welche Informationen der Öffentlichkeit mitgeteilt werden im Bezug auf
polizeiliche Maßnahmen, die im Falle einer Störung eingeleitet werden".

Dunkle Verbindungen: Internationale Zusammenarbeit und "Liaison Officers"

Immer wieder wird in Dokumenten von "Schnittstellen" und
"Verbindungsbeamten"
gesprochen. Unklar bleibt, ob sie lediglich beratend tätig sind oder
berechtigt
sind Entscheidungen zu treffen. Das "Sicherheitshandbuch zur Verwendung
durch
die Polizeibehörden und -dienste bei Tagungen des Europäischen Rates und
ähnlicher Veranstaltungen" regelt das Profil der "Liaison Officers" auf
Europa-Ebene:
* "experience in maintaining public law and order at high profile events,
* access to all useful information sources in his home State, including on
extremism and other relevant groupings from police as well as other relevant
sources,
* the ability to organise intelligence efforts nationally prior to and
during
the event and analyse relevant information"
Sie sollen weitestmöglich in "operative Informationsstrukturen einbezogen
werden", an allen relevanten Treffen teilnehmen, aktiv an Polizei-Einsätzen
mitarbeiten und regelmäßige internationale "Szenario-orientierte Trainings"
absolvieren um "ihre Erfahrung im eigenen Land einzubringen". "Key Officers"
(entscheidende BeamtInnen) sollen an allen relevanten Kursen teilnehmen
[17].
Außerdem erstellen sie schematisierte "Gefahrenprognosen" über Gruppen, ihre
Aktionsformen, Gewohnheiten, Orte, Kommunikationsstrukturen,
"Führungsstruktur", Webseiten, benutzte "Waffen" etc.

Ende November 2006 findet in Rostock die "Sicherheitskonferenz" SECON statt.
Beteiligt sind alle G8-Staaten sowie EUROPOL. Tagesordnungspunkte sind die
Zusammenarbeit zur vergangenen Weltmeisterschaft und die sich daraus
ergebende
"Sicherheitsarchitektur" für den G8 2007. Der Präsident des
Bundeskriminalamtes, Jörg Ziercke, redet von "bisher nicht gekannten
Sicherheitsanforderungen" für den G8 und kündigt "Reisesperren für
gewaltbereite G8-Gegner" und den "Einsatz szenekundiger Sicherheitsbeamter"
an.
Fest stehe, dass umfangreiche und vernetzte Vorbereitungen der G-8-Gegner
liefen. Er bringt diese Proteste in Zusammenhang mit Terrorismus. Zu
erwarten
seien "islamistische Angriffe" genauso wie linksextremistische Gewalttaten:
"Es
gibt eine breite, auch militante Kampagne gegen den Gipfel". Dabei gebe es
eine
zunehmende Vernetzung zu Extremisten aus dem Ausland. Die Szene stehe jedoch
unter Beobachtung, besonders gefährliche Einzeltäter seien bekannt. Sofern
islamistische oder andere potenzielle Gewalttäter aus dem Ausland auf dem
Weg
nach Heiligendamm seien, werde es auch Einreisebeschränkungen geben [18].
Frank Niehörster, Ministerialdirigent des Innenministers, gibt den
informellen
Charakter des SECON-Treffen später unumwunden zu: "44 nationale und 26
internationale Polizeiexperten hatten hier die Gelegenheit, in einen
dreitägigen Erfahrungsaustausch zu einsatztaktischen Fragen bei der
Bewältigung
von Staatsbesuchen, Gipfeltreffen und Internationalen Sportveranstaltungen
zu
treten. Ich muss nicht betonen, wie wichtig die zahlreichen bilateralen
Gespräche am Rande der Veranstaltung waren, die sich in der Vorbereitung des
Gipfeltreffens 2007 jetzt von besonderem Wert erweisen".
Er formuliert ein wichtiges Einsatzziel des Ministeriums: "Uns ist durchaus
bewusst, dass schon die kleinste Störung im Protokollablauf nicht nur unser
Bundesland, sondern die gesamte Bundesrepublik in den Fokus weltweiter
Kritik
bringen und Störern einen zumindest ideologischen Erfolg bescheren könnte"
[19].

Im Februar 2006 findet in Berlin der "Europäische Polizeikongreß" statt,
ausgerichtet vom "Handelsblatt". "Sicherheitsbehörden" treffen sich auf
dieser
Messe mit Vertretern aus Wirtschaft und Politik um zu beraten, wie
Überwachung
und Kontrolle technisch und organisatorisch optimiert werden kann [20]. Der
Leiter der "Abteilung Polizei" im Innenministerium Schwerin, Niehörster,
legt
in seiner Rede Teile des Sicherheitskonzeptes dar [21]. Eine der
Arbeitsgruppen
befasst sich mit dem G8 2007.

Der stellvertretende US-Botschafter in Deutschland, Koenig und weitere 35
"Polizei- und Sicherheitsexperten" aus MV, den USA, der Bundespolizei sowie
des
Bundeskriminalamtes treffen sich Anfang März in Schwerin um die
"Sicherheitslage" des G8 zu beraten. "Wir sind von den Planungen in dieser
Phase beeindruckt", so Koenig. "Amerikanische Vorstellungen würden laufend
in
das Sicherheitskonzept einfließen", zitiert N24 [22].

Vom 1. bis 9. Juni 2007 wird ein "Internationales Verbindungsbeamtenzentrum"
zum
"Zweck eines beschleunigten Informationsaustausches" eingerichtet. "Darin
waren
17 Verbindungsbeamte aus zwölf Staaten (USA, Frankreich, Großbritannien,
Japan,
Kanada, Italien, Niederlande, Belgien, Österreich, Schweiz, Schweden und
Dänemark) sowie eine Verbindungsbeamtin von EUROPOL und ein
Verbindungsbeamter
von Interpol vertreten. Neben dem BKA hatte auch die Bundespolizei
internationale Verbindungsbeamte in ihren Führungsstäben eingesetzt". Der
G8-Protest wird auch im "Gemeinsamen Terrorismusabwehrzentrum" in
Berlin-Treptow in Lagesitzungen erörtert. Über die Zusammenarbeit mit
ausländischen Geheimdiensten hüllt sich das BKA in Schweigen [23].

Zu "Liaison Officers" beim G8 berichtet der Parlamentarische Staatssekretär
Peter Altmaier dem Bundestag:
"Auf Anforderungen des Landes Mecklenburg-Vorpommern [sind] das BKA mit
sechs
und die Bundespolizei mit drei Polizeivollzugsbeamten als Verbindungsbeamten
in
dem Führungsstab der BAO Kavala des Landes Mecklenburg-Vorpommern vertreten.
Diese Verbindungsbeamten haben beim Führungsstab der BAO Kavala auf die
Zusammenarbeit mit ihren Stammdienststellen bezogene Informations- und
Koordinierungsaufgaben wahrgenommen. Soweit es den Bereich der Bundeswehr
betrifft, wurden darüber hinaus Besprechungen durch die verantwortlichen
Dienststellen des Landes Mecklenburg-Vorpommern unter ebenengerechter
Beteiligung von Vertretern der Bundeswehr durchgeführt. Während des
G8-Gipfels
war die Bundeswehr bei der BAO Kavala mit Verbindungselementen im
Führungsstab
sowie in den Einsatzabschnitten 8 - das war Luftsicherheit - und 9 - das war
Seesicherheit - vertreten".

Über eine "Kleine Anfrage" der Linkspartei.PDS wird bekannt, dass Kavala
offensichtlich mit Geheimdiensten kooperiert: "Die BAO arbeitet insbesondere
mit dem Bundeskriminalamt und der Bundespolizei, Organisationen und
Einrichtungen der Bundeswehr sowie dem Presse- und Informationsamt der
Bundesregierung zusammen. Die BAO arbeitet sowohl mit den
Staatsanwaltschaften
als auch mit den Ordnungsbehörden des Landes Mecklenburg-Vorpommern auf der
Grundlage der einschlägigen Gesetze zusammen. Das Prinzip der Trennung von
Aufgaben der Polizei und Verfassungsschutz/Nachrichtendiensten wird durch
funktionelle, organisatorische, befugnisrechtliche, informationelle und
personelle Trennung der Tätigkeiten gewährleistet".

Im Frühjahr 2007 trifft sich Kavala mit dem "Planungschef" des G8 in
Gleneagles,
Powrie [24]: "Vieles ist sehr ähnlich, denn Ihr Polizeiführer hatte sich bei
uns
in Gleneagles vorher informiert, um zu sehen, wie es bei uns funktioniert.
Ich
hatte das in Vorbereitung des Gipfels in Schottland ebenso gemacht und war
nach
Sea Island in Amerika gefahren. [...] Ich glaube, wir haben ein Recht, eine
Art
polizeiliche Intersprache zu entwickeln. In Japan bin ich bereits für die
Vorbereitung des nächsten G8-Gipfels gewesen. und letztes Jahr war ich
anlässlich des vergangenen Gipfels in Russland. Sea Island- Gleneagles- St.
Petersburg - Ihr Gipfel - Japan. Der Austausch von Erfahrungen der
Führungskräfte ist sinnvoll".
Die Treffen dienen informellen Absprachen und der Weitergabe des Wissens um
die
Bekämpfung militanter Gipfelproteste: "Ich wirke an solch einem Programm,
genannt IPO, mit. Hierbei geht es um die Entwicklung von speziellen
Kompetenzen
bezüglich der Planung und Bewältigung von Großlagen im Rahmen einer
langfristigen Erarbeitung von Sicherheitskonzeptionen für die jeweiligen
Regierungen. [...] Die Rolle der Medien muss besonders beachtet werden. Ein
Erfahrungspool ist dringend notwendig. [...] Der damalige Tagungsort, das
Gleneagles Hotel, weist räumliche Ähnlichkeiten mit der Tagungsstätte in
Heiligendamm, dem Kempinski Grand Hotel, auf. Beide Orte befinden sich nicht
in
Ballungsräumen haben jedoch in unmittelbarer Nachbarschaft größere Städte.
Dies
hat natürlich auch Einfluss auf die Protestaktionen der Gipfelkritiker und
Gipfelgegner. Wo befanden sich beim G8-Gipfel 2005 die größten
Protestaktionen
und gab es in der Nähe des Tagungsortes größere Versammlungen oder
Veranstaltungen? [...] Ernsthafte Konflikte gab es in einem von örtlichen
Organen zugelassenen Camp. Die Aktionen dort waren nicht mehr im Rahmen
dessen,
was gesetzlich zugelassen ist. Viele ausländische Protestteilnehmer nutzten
die
Möglichkeit für Randale. [...] Bei KAVALA wird erstklassig gearbeitet. Es
wurde
ein überzeugendes, klar strukturiertes Planungskonzept entwickelt, wo jeder
Mitarbeiter hervorragend an dessen Umsetzung mitwirkt. Die Reputation der
deutschen Sicherheitskräfte insgesamt ist weltweit im Spitzenbereich".
Inzwischen arbeitet Powrie bei UNICRI, einem Programm der Vereinten
Nationen.
UNICRI ist ein Consulting-Institut mit 50-60 Mitarbeitern in drei
Abteilungen.
Eine der Abteilungen befasst sich mit der "permanenten Begleitung von
Großereignissen ab der Vorphase". Das Institut berät Polizei und Regierung
von
Ländern, in denen "polizeiliche Großlagen" stattfinden.

"Wenn Sie uns brauchen, sind wir Soldaten für Sie da" [25]

Bereits im 21. März 2006 stellt das Innenministerium MV ein
"Amtshilfeersuchen"
an den Bundesverteidigungsminister, die Zusage folgt am 8. Mai. Angefragt
werden ABC-Schutzkräfte, SanitäterInnen, Fernmeldeeinheiten, Transport,
Aufklärung. Die Anfrage ist Teil der "Zivil-militärischen Zusammenarbeit"
(ZMZ), die von der Bundeswehr in einer "Reform" im In- und Ausland
vorangetrieben wird [26]. Die Verwendung der Bundeswehr im Innern ist im
Artikel 35 GG für Naturkatastrophen oder Unglücksfälle geregelt.

Das "Streitkräfteunterstützungskommando Köln" wird mit der
Gesamtkoordinierung
beauftragt. Erst auf eine Kleine Anfrage im April 2007 wird deutlich welche
Größenordnung der Einsatz haben soll [27]:
* 1.100 Soldaten und zivile Mitarbeiter.
* voraussichtliche Kosten: 10 Mio. Euro.
* Feldjägerkräfte mit Wahrnehmung militärischer Ordnungs- und
Sicherheitsaufgaben in militärischen Liegenschaften beauftragt; Recht der
Abwehr von Straftaten gegen die Bundeswehr sowie das Recht auf Notwehr;
militärischer Verkehrsdienst, Ordnungsdienst, Sicherheitsaufgaben.
* 6.500 Unterkunftsplätze in Kasernen für Bundespolizei und Polizeien der
Länder
[28].
* 9 Boote der Marine (6 Verkehrsboote, 2 Minenjagdboote, ein Minenjagdboot
als
Plattform für Minentaucher, eine Fregatte als Unterstützung für Luftwaffe
zur
Erstellung des Luftlagebildes).
* Errichtung eines mobiles Krankenhauses.
* Verbindungskommandos der Bundeswehr in zivilen Stäben zum reibungslosen
Informationsaustausch.

Der Parlamentarische Staatssekretär Christian Schmidt spricht in einer
späteren
Sitzung des Innenausschusses im Bundestag von "Unterbringung und Verpflegung
für die Sicherheitskräfte, Personentransport mit Hubschraubern und Booten,
medizinische Betreuung und Notfallvorsorge, Aufklärungsradartechnik sowie
Aufklärungsmissionen, Absuchen des seeseitigen Sperrgebietes und der
Seebrücke
Heiligendamm, Nutzung des Flugplatzes Laage, Versorgung mit Betriebsstoff,
Bereitstellung von Gerät". 1.000 Soldaten sind zur "Absicherung
militärischer
Liegenschaften" und ca. 350 zur "Gewährleistung der Sicherheit im Luftraum"
eingesetzt. An militärischen Fahrzeugen sind im Rahmen der Amtshilfe
bewilligt:
"1 Fregatte, 3 Minenjagdboote, 1 Hafenschlepper, 6 Verbindungsboote, 1
Transporthubschrauber, 1 Großraumrettungshubschrauber, 2 Fuchs ABC, 1
Flugfeldfeuerwehrwagen, 4 Faltstraßengeräte, 1 Luftraumüberwachungsradar, 1
mobiles Luftlagezentrum, 10 Spähwagen, 1 Rettungszentrum leicht, 1
Verwundetendekontaminationseinrichtung, 4 Eurofighter, 8 F-4F Phantom, 14
Flüge
PA 200 Tornado, 2 C-160 Transall, Bell UH-1D" [29]. Dazu kommen 7 Kilometer
Stacheldraht (jeweils 3 Reihen) am Zaun Heiligendamm,
Übersetzungsleistungen,
1.000 Flaschen Mückenschutz für die Polizei, Personentransport (Presse,
Polizei, Ehefrauen und Ehemänner), das Bereithalten von 30.000 Litern
Trinkwasser, die Erstellung eines "Über- und Unterwasserwasserlagebildes".

Staatssekretär Schmidt erklärt dem Bundestag:
"Die Antragsteller für die Unterstützungsleistungen waren das Auswärtige
Amt,
Transport der Delegationen von Tegel nach Heiligendamm, das Presse- und
Informationsamt der Bundesregierung, z. B. der Transfer von Journalisten,
das
THW, z. B. Tieflader mit Zugfahrzeug, das Landesamt für Zentrale
Polizeiaufgaben, der Brand- und Katastrophenschutz und das Innenministerium
des
Landes Mecklenburg-Vorpommern, z. B. zur Unterbringung von Einsatzkräften
der
Polizei, Infrastruktur, Flugplatz Rostock-Laage, Flüge zur Aufklärung der
Erdoberfläche und Beschaffenheit". Alle Bundeswehrdienststellen werden
angewiesen, "eine frühzeitige Erfassung, Abstimmung und Vorabprüfung von
Amtshilfe und -unterstützungsersuchen sicherzustellen". Am 30. April erhält
das
Wehrbereichskommando 1 Küste den "Befehl Nr. 1 für die Unterstützung durch
die
Bundeswehr zur Vorbereitung und Durchführung des Weltwirtschaftsgipfels in
Heiligendamm".
Unklar ist, an welchen Schnittstellen der Marschbefehl der Bundeswehr mit
anderen "Sicherheitsbehörden", dem Bundeskanzleramt und Bundespresseamt
rückgekoppelt wird. Laut Bundesregierung ist die Bundeswehr in allen anderen
Lagezentren vertreten. Alle Erkenntnisse wie Lagebilder etc. werden über
Verbindungsbeamte zu Kavala kommuniziert. Im Falle der Seesicherheit liegt
die
Schnittstelle bei Wasserschutzpolizei und Bundespolizei, die im
Flottenkommando
anwesend sind [30].
Staatssekretär Schmidt bedauert die intransparente Struktur der Bundeswehr:
"Sie
sehen, es ist durchaus auch nicht zu übersehen, dass die Bundeswehr nicht
über
bürokratische Strukturen und verschiedene Stellen verfügt" es werden
"Absprachen auf Arbeitsebene" getroffen.

Der Suche der Tornado-Jets nach "Erddepots sowie die Erfassung von
Manipulationen an wichtigen Straßenzügen im Einsatzraum" geht auf die
Erfahrung
aus Schottland zurück: "Soweit uns bekannt ist, bekunden sich diese Anträge
aus
Erfahrungen aus der Durchführung des G8-Gipfels in Gleneagles vor zwei
Jahren,
im Juli 2005. Es war wohl bei einem Vorbereitungstreffen von Vertretern des
Innenministeriums Mecklenburg-Vorpommern in Großbritannien von den
britischen
Sicherheitsbehörden auf diese Möglichkeit zur Erkennung von Depots und
Manipulationen an Straßenzügen hingewiesen worden. Auch in Gleneagles waren
Tornadoflugzeuge mit dieser Aufklärungsaufgabe unterwegs gewesen und über
die
Resultate wurde dann auch Mecklenburg-Vorpommern in Kenntnis gesetzt" [31].
Beteiligt sind Euro-Fighter, Tornado-Jets, Phantom-Abfangjäger und
AWACS-Aufklärungsflugzeuge der Militärflughäfen Wittmund (Ostfriesland),
Neuburg an der Donau, Jagel (Schleswig Holstein). Ihre Aufgabe ist unter
anderem die Überwachung der Flugverbotszone im Radius von 50 Kilometern um
Heiligendamm und Laage. Auch über dem Festivalgelände der "Fusion" in Lärz
wird
"aufgeklärt" [32].
Am 13. März beantragt der Innenminister MV ein Amtshilfeersuchen für 9
"Spähtrupps", also Fennek- Panzerspähwagen mit drei Soldaten Besatzung zur
"Geländeaufklärung". Drei "Spähtrupps" werden für den Einsatzabschnitt
Heiligendamm, drei im "Einsatzraum Raumschutz" und drei zur Überwachung von
Rostock-Laage [33] geordert. Insgesamt hat "der Bundesminister des Inneren 5
Amtshilfeersuchen gestellt, das Auswärtige Amt 3, das Bundespresseamt 5 und
das
Land Mecklenburg-Vorpommern 20".

Unterstützt wird die Bundeswehr durch Fregatten der US-Marine. Diese
Spezialschiffe haben moderne Abhörtechnik an Bord. Der lokale
Nachrichtensender
Mvregio berichtet, der gesamte Telefonverkehr während des Gipfels würde
abgehört, die Schiffe seien in der Lage ein Gespräch in einem Wohnzimmer auf
5
Kilometer Entfernung zu belauschen [34]. Die Schiffe nehmen am NATO-Manöver
"BALTOPS" teil, das kurz nach dem Gipfel in der Ostsee abgehalten wird.

Darüber hinaus bereitet sich die Bundeswehr auf einen Großeinsatz vor: "Wenn
ein
Schadensfall eintritt und wir angefordert werden, wird die Bundeswehr mit
jedem
Soldaten, der zur Verfügung steht, helfen", erklärt der Inspekteur der
Streitkräftebasis, Vize-Admiral Wolfram Kühn. Er kündigt für März
"gemeinsame
Notfallübungen der Stäbe" an.
Ebenfalls unter Waffen: Das "Command Riot Control" (CRC), eine Sondereinheit
der
Feldjäger. Ausgerüstet mit Schlagstock, Schild, gepolsterter Uniform, Helm
und
Nackenschutz werden sie wie reguläre Polizeieinheiten ausgebildet. Das CRC
ist
z.B. in Rostock-Laage eingesetzt.
Soldaten aus Sanitz bei Rostock trainierten das Auflösen von
Demonstrationen. In
Sanitz ist die Flugabwehrraketengruppe 21 stationiert, die am 30. Juni 2004
als
erster "Patriot"-Verband in den neuen Bundesländern aufgestellt wurde. Der
Verband aus Sanitz ist mit seinen Raketen auf Luftabwehr spezialisiert. Mit
Gewehren bewaffnet wird im Manöver Jagd auf Demonstranten gemacht, die von
anderen Soldaten gespielt werden. Auf einem Bild der Ostseezeitung ist zu
sehen
wie Demonstranten vor Soldaten mit Gasmasken flüchten [35].
Luftabwehrverbände
sind Teil der Truppen die für den G8 in Heiligendamm mobilisiert werden.

Heiligendamm wird abgeschirmt

Im Herbst 2006 gibt Abramowski bekannt dass Heiligendamm auch seeseitig
einen
Zaun erhält, ebenfalls 12,5 km lang. Ende 2006 bestätigt das
Innenministerium
die "Einsatzkonzeption Nummer 3" Abramowskis.
Im Auftrag von Kavala beginnt die Firma MZS aus Bargeshagen im Januar 2007
mit
dem Bau des Sicherheitszauns. Als Grund für die Notwendigkeit des Zauns wird
regelmäßig eine Gefahr "islamistischer Terroranschläge" genannt. Deutlicher
drückt es Knut Abramowski aus: "Vor dem Hintergrund einer terroristischen
Bedrohung und Übergriffen gewaltbereiter militanter Gipfelgegner kommt dem
Sperrwerk eine besondere taktische Bedeutung zu". Der Zaun soll der Polizei
einen Vorsprung gegenüber DemonstrantInnen verschaffen. Ministerialdirigent
Niehörster: "Sperreinrichtungen sollen neben einer deutlichen Verringerung
des
Kräfteansatzes auch dazu dienen, gewaltbereiten Gruppen oder Einzeltätern
das
ungehinderte Erreichen des Tagungsortes zu verwehren sowie der Polizei
Reaktionszeiten für Kräfteverlagerungen zu den Brennpunkten zu verschaffen".
Abramowski rückt auf "Bürgerversammlungen" das Überklettern des Zauns in die
Nähe von "Terrorismus".

Inzwischen wird von rund 16.000 eingesetzten Polizeikräften, die Kavala
unterstehen, gesprochen [36]: Mecklenburg-Vorpommern (1.800),
Baden-Württemberg
(1.400). Bayern (1.200) Berlin (900), Brandenburg (500) Bremen (300),
Hamburg
(40), Hessen (1000), Niedersachsen (1300), Nordrhein-Westfalen (1.300),
Rheinland-Pfalz (600), Saarland (100), Sachsen (800), Sachsen-Anhalt (400),
Schleswig-Holstein (1.000),Thüringen (450), Bundespolizei (1.500). Die
deutsche
Polizei verfügt länderweit über 16.405 reguläre BereitschaftspolizistInnen.
Über
13.000 werden in Heiligendamm eingesetzt [37].

"Aufklärung und Intervention"

Der Verfassungsschutz Berlin erstellt im Januar 2007 ein Dossier über
"linksextremistische Vorbereitungen" zum G8. Linksruck, das
Gegeninformationsbüro, die Antifaschistische Linke Berlin, F.e.l.S, aber
auch
der alternative Provider so36.net werden neben vielen anderen als
gewaltbereit
ausgemacht. Spätere Repression wie die Durchsuchungen am 9. Mai 2007 stützt
sich auf das Dossier.
Der Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz, Fromm, tritt häufiger
in
Erscheinung und behauptet unter anderem, militante Anschläge würden
Personenschäden in Kauf nehmen.
Der baden-württembergische Verfassungsschutz glaubt an ein
"Wiederaufflackern
des Links-Terrorismus". Frühere RAF-Mitglieder könnten zu neuen Ikonen
werden,
weil sich militante Gruppen auf das Grußwort Christian Klars bei der
Rosa-Luxemburg-Konferenz im Januar 2007 berufen.

Im Winter und Frühjahr werden mehr und mehr Kontrollen, Razzien und
Durchsuchungen durchgeführt. Anfang Januar werden TeilnehmerInnen eines
Treffens zu G8 und Migration rassistisch kontrolliert. Besonderen Argwohn
erregt die breite Kampagne gegen das Bombodrom in Wittstock, an der neben
lokalen auch linksradikale Gruppen beteiligt sind [38]. In Hamburg
beschlagnahmt die Polizei Aufkleber in einer linken Buchhandlung. In München
und Erlangen gibt es großangelegte Razzien wegen eines Flugblatts zur
NATO-Sicherheitskonferenz und G8. Eine vom Staatschutz München beantragter
Beschluß zur Beschlagnahme der "G8xtra" wird von der Ermittlungsrichterin
allerdings abgelehnt: "Der Aufruf zu Blockaden kann keinesfalls als
Androhung
oder Aufruf zu Straftaten gewertet werden, da auch straffreie Möglichkeiten
der
Blockaden, 'z.B. durch die schiere Menge an Gipfelgegnern' denkbar sind".
Die
Potsdamer Polizei entfernt ein G8-kritisches Transparent am Haus eines
Wohnprojekts.
In Frankfurt (Oder) wird ein Anwerbeversuch öffentlich. Die "Zielperson"
sollte
dissent!-Treffen besuchen und darüber berichten [39].
In Berlin wird bekannt dass die neu organisierte Sondereinheit der Berliner
Polizei "Aufklärung + Intervention" (vermummte Zivilpolizisten im
"szenetypischen Outfit") nach Heiligendamm entsandt wird.

Das "Lagezentrum" von Kavala in Waldeck bleibt streng von der Öffentlichkeit
abgeschirmt. Im Frühjahr 2007 wird erstmals ein Bericht veröffentlicht. Die
Gewerkschaft der Polizei stattet Kavala einen Besuch und ist beeindruckt
womit
sich dort beschäftigt wird: "Intensiv surfen" [40].

Bundesregierung freut sich über "gute Zuhörer"

Während die Repressionsorgane ihre Arbeit wie gewohnt verrichten, setzt das
Bundeskanzleramt auf die Einbindung des Protests und die Spaltung der
Bewegung.
"Sherpa" Bernd Pfaffenbach erklärt, die gewählten Schwerpunkte des G8 böten
"keine Angriffsfläche für heftige Proteste". Er stehe in einem "sehr
intensiven
Dialog mit den Nicht-Regierungs-Organisationen. Dort treffe er auf gute
Zuhörer,
die für die Argumente der Regierung aufnahmefähig seien" [41].
Es kommt zu mehreren Gesprächen mit Nichtregierungsorganisationen. Der
Sänger
Bono trifft sich mit dem SPD-Präsidium und Merkel. Am 25. und 26. April
veranstalten das Forum Umwelt und Entwicklung und VENRO zusammen mit der
Bundesregierung den "G8-Dialog Zivilgesellschaft" in Bonn. Grönemeyers
Konzert
von "Deine Stimme gegen Armut" wird überall bejubelt, der Kulturmanager
André
Harder stellt sein (später peinlich gefloptes) Bützow-Camp auf der
Internationalen Tourismus-Messe in Berlin vor. Bob Geldof und Bono gehen auf
Schmusekurs mit Angela Merkel; Kinder-, Jugend- und StudentInnen-G8-Gipfel
und
sogar ein "Model-G8-Gipfel" werden simuliert. SAT 1 produziert ein Remake
des
Fernsehfilms "Das Mädchen im Café", eine Romanze zwischen einem
G8-Delegierten
und einer ahnungslosen armutskritischen Frau. Die Hauptrolle spielt
Deutschlands Liebling Julia Jentsch.
Teile der Protestbewegung spielen die Spaltung in "friedlich" und
"gewaltbereit"
mit. Peter Wahl (attac) behauptet wahrheitswidrig nach der 2.
Aktionskonferenz
in Rostock an, alle Beteiligten hätten sich "klipp und klar" gegen Gewalt
ausgesprochen. Er trifft sich mit dem Ministerpräsidenten Ringstorff und
lobt
die Gesprächsatmosphäre.

Heißes Frühjahr

Wiederholt warnt das BKA vor "Terrorgefahr" zum G8-Gipfel.
"Globalisierungsgegner" würden ihre militante Begleitkampagne fortsetzen:
"Im
Bereich Terrorismus steht beim BKA der im Ostseebad Heiligendamm geplante
G8-Staatsgipfel ganz oben auf der Liste potenzieller Anschlagsziele".
Präsident
Ziercke wünscht sich im gleichen Interview dass es "gelingt, Daten online
abzugreifen" um etwa an Passwörter zu gelangen.
"Wir haben aktuelle Drohungen aus der gefährlichen Szene erhalten, die uns
große
Sorgen machen", sagt ein Geheimdienstler geheimnisvoll zur
Nachrichtenagentur
ddp. Mittlerweile spricht die Polizei vom "größten Einsatz aller Zeiten in
Deutschland". Das Aufgebot an Polizisten werde alle bisherigen Dimensionen
übertreffen und deutlich größer sein als bei der Fußball-WM im vergangenen
Jahr, droht der Chef der Landespolizei in Schleswig-Holstein, Wolfgang
Pistol.

Überwachung total in Hamburg: Nachdem es noch immer keinen Fahndungserfolg
in
Sachen militante Aktionen zum G8-Gipfel gibt, werden nun Medien aufgefordert
nicht mehr darüber zu berichten. Über eine Infohotline wird zur Denunziation
aufgerufen. Telefone werden angezapft, elektronische Kommunikation
überwacht,
Handys und Fahrzeuge geortet. Nach Medienberichten werden 43 Personen
observiert. Innensenator Nagel lobt, dass die Gruppen "Profis" seien und
wenig
"kriminaltechnische Spuren" hinterlassen würden. Ermittlungserfolge würden
sich
aber bald einstellen, verspricht er.

106 Polizeibeamte aus Rügen, Stralsund und Nordvorpommern proben im März auf
dem
Pütnitzer Flugplatzgelände den Gipfelprotest [42]. "Wir verstehen diese
Einsatzausbildung als Auffrischung", freut sich Hundertschaftsführer Maik
Schroeder. Hier trainieren allerdings nicht die Einsatzhundertschaften der
Bereitschaftspolizei, sondern die auf Anfrage gestellten Kräfte der
Direktionen. PolizistInnen über 40 Jahre sind nicht mehr vertreten.
Siegfried
Bruß, Leiter der Polizeidirektion Stralsund: "Ab einem gewissen Alter sinkt
die
Leistungsstärke" [43].
Rettungskräfte und Krankenhäuser erwarten eine "erhöhte Gewaltbereitschaft"
beim
G8-Gipfel und rechnen mit einem "Massenanfall von Verletzten". Hierfür
werden
mehr finanzielle Mittel gefordert [44].

Ab 1. April 2007 übernimmt die BAO Kavala alle operativen Maßnahmen im
Zusammenhang mit dem G8-Gipfel; zunächst: die Bewachung der "technischen
Sperre" um Heiligendamm. Es werden massiv Platzverweise für bis zu 6 Wochen,
also bis nach dem Gipfel ausgesprochen [45].
"Kräfte aus nahezu allen Bundesländern bzw. dem Bund" werden in die
Führungsstäbe von Kavala integriert, insgesamt 367 Polizisten [46]. In der
"Haupteinsatzphase" kommen 573 "Stabsmitarbeiter" hinzu. Darunter sind z.B.
die
"lautlosen Elf", ein "Ständiger Stab beim Polizeipräsidium in Dortmund": Die
"lautlosen Elf" arbeiten "hinter den Kulissen, bereiten minutiös große und
schwierige Einsatzlagen vor und helfen dann auch, sie zu bewältigen, von
Demonstrationen bis zu Geiselnahmen". Ihr Aufgabenbereich sind
"Sonderprogramme", etwa "wenn die Regierungschefs mit Partnern Ausflüge
unternehmen". Ständige Stäbe gibt es in NRW angeblich in Bielefeld, Münster,
Essen, Düsseldorf, Köln, Münster und Dortmund. Sie können von den
Innenministerien der Länder zur Unterstützung angefordert werden.

Kavala ist fortan auch für alle angemeldeten Versammlungen mit Bezug zum G8
zuständig. Versammlungsrechtliche Befugnisse sind normalerweise
organisatorisch
bei den kommunalen Gebietskörperschaften angesiedelt. Im Januar 2007 wird
allerdings die "Landesverordnung über die zuständigen Behörden nach dem
Versammlungsgesetz" geändert und die Zuständigkeit der Polizeidirektion
Rostock
übertragen. Hierfür wird Regierungsdirektorin Christiane Röttgers zu Kavala
beordert. Röttgers arbeitet in Lüneburg und ist Spezialistin für
"Allgemeinverfügungen", also generelle Versammlungsverbote. Damit ist
absehbar
dass Kavala das Demonstrationsrecht einschränken wird. Das Innenministerium
hierzu unverblümt: "Der Vorteil der Anbindung der versammlungsrechtlichen
Befugnisse bei der Polizei liegt darin, schnell und flexibel sowie in
Kenntnis
aller für diese überaus komplexe Lage wesentlichen Fakten auf Veränderungen
in
der polizeilichen Lage und der Versammlungslage zu reagieren".

Am 12. April trifft sich die "Innenministerkonferenz Nord" (MV, Hamburg,
Bremen,
Schleswig-Holstein, Niedersachsen) in Heiligendamm um über die
Sicherheitslage
zu beraten. Innenminister Caffier kündigt an, 100 Richter stünden für die
G8-Proteste "in Bereitschaft". In Schnellverfahren sollen Gipfelgegner zur
Abschreckung zügig abgeurteilt werden. "Bis zu zehn Tage
Unterbindungsgewahrsam" wird angedroht, man werde "alle Möglichkeiten
ausschöpfen", militante Demonstranten werden "aus dem Verkehr gezogen" damit
der G8-Gipfel Anfang Juni in Heiligendamm "friedlich" verläuft.
Justizministerin Uta-Maria Kuder (CDU) droht im FOCUS: "Für besonders
rabiate
Protestler" stehen "50 Plätze in zwei Gefängnissen nahe Rostock zur
Verfügung".
Ausländische "Gewalttäter" sollen je nach Schwere der Tat eine
"Sicherheitsleistung" zwischen 150 und 1200 Euro zahlen [47].
Die Polizei sucht derweil nach leeren Hallen für den Aufbau sogenannter
"mobiler
Gefängniszellen".

Polizeikräfte aus Belgien, Holland und Deutschland führen eine gemeinsame
Übung
zum Umgang mit Blockaden durch [48]. Beteiligt sind Besatzungen von
Wasserwerfern aus allen drei Ländern, die Barrikaden errichten und anzünden.
In
Form eines "Geländespiels" teilt sich die Polizei in Einsatzkräfte und
steinewerfende "Störer". Ein Polizeihubschrauber begleitet die Übung. Von
deutscher Seite sind Bundes- und Landespolizei beteiligt [49]. Bis heute hat
keine offizielle Stelle zu der Übung Stellung genommen.
Auch die GSG 9 bereitet sich auf den G8-Gipfel vor. Das teilt der
Staatssekretär
im Bundesinnenministerium, August Hanning, bei einer Übung der
"Anti-Terror-Einheit" auf ihrem Stationierungsort in Sankt Augustin bei Bonn
mit. Sie würden das BKA und die Landespolizei unterstützen. "Aber in welchem
Spektrum und mit welchen Aufträgen und Aufgaben das geschehen wird, dazu
möchte
ich keine Stellung nehmen", erklärt Kommandeur Lindner, "wir werden uns dort
im
räumlichen Nahbereich aufhalten". Hanning beschwört "Terrorgefahren", die in
den letzten Wochen "noch gewachsen" seien. "Das ist nicht nur ein Gefühl"
[50].

Schaulustige müssen für "eventuell eintretende Schäden" beim Besuch des
Zauns
selbst haften, erklärt Knut Abramowski auf der Webseite der Polizei. Welchen
Schaden Zaun oder TouristInnen davontragen könnten, lässt er offen. Kavala
sucht die BetreiberInnen von Campingplätzen, Hotels und Pensionen auf. Sie
werden aufgefordert, "auffällige Buchungen" zu melden. Kavala lehnt indes
Kooperationsangebote der Camp-AG und des Anwaltsnotdienstes ab.
PolizistInnen verteilen Flugblätter an Geschäftsleute in der Innenstadt:
"Sichern Sie Ihre Warenauslagen, Werbetafeln, Möbel und Müllcontainer!
Verzichten Sie auf die Präsentation hochwertiger Ware im Schaufenster!" Der
Tagesspiegel meldet, "Bürger mit einschlägigen Vorstrafen" müssen
Heiligendamm
verlassen.
Den Vogel der Sensationsmeldung schießt die "BILD"-Zeitung ab: "Wer stört,
kriegt was auf die Ohren! Für den im Juni geplanten G8-Gipfel in
Heiligendamm
ist die Polizei bestens gewappnet. BILD erfuhr: Um Anschläge militanter
Gipfel-Gegner zu verhindern oder um Randalierer zurückzudrängen, wird jede
Menge Hightech aufgeboten: Der LRADS-Master Blaster. Diese Schall-Kanone
sendet
hochfrequente, schrille Signale aus. Schalldruck: 150 dB" [51].

Am 9. Mai werden unter Federführung des BKA und der
Generalbundesanwaltschaft
bundesweit 40 Objekte durchsucht, 900 Polizeikräfte schüchtern
Privatpersonen
und linke Projekte ein. Der Beschluß richtet sich gegen 20 Personen wegen
"Bildung einer terroristischen Vereinigung zur Verhinderung des G8-Gipfels".
Ermittlungen nach §129a dienen der Ausforschung von Strukturen und führen in
nicht einmal 2% der Fälle zu Verurteilungen. Andreas Christeleit, Sprecher
der
Bundesanwaltschaft, kommentiert gegenüber dem ZDF-Heute-Journal: "Die
heutigen
Durchsuchungen sollten Aufschluss erbringen über die Strukturen und die
personelle Zusammensetzung von diesen Gruppierungen und dienten nicht in
erster
Linie zur Verhinderung von konkreten Anschlägen, dafür gab`s keine
Anhaltspunkte". Laut Hamburger Innensenator Nagel sollen die Durchsuchungen
zeigen, dass "die Sicherheitsbehörden im Kampf gegen Extremisten nicht
wehrlos
sind", er kündigt "Null Toleranz" an. Polizeipräsident Jantosch: "Heute
haben
wir richtig durchgeatmet. Für den in Hamburg stattfindenden ASEM-Gipfel
(Asia-Europe Meeting) und die nachfolgenden Veranstaltungen ist die Polizei
gerüstet".
"Wir haben in den Busch geschossen, nun sehen wir weiter, was und wer sich
dort
bewegt" erklärt ein unbekannter "Ermittler" dem SPIEGEL. Man habe "Flagge
zeigen" wollen.
Bundesinnenminister Schäuble rechtfertigt die Maßnahmen damit, dass die
"militante gruppe", gegen die ermittelt wird, "Knieschüsse" und "Exekutionen
von Entscheidungsträgern" erwogen hätte [52]. Er droht "gewaltbereiten
Chaoten"
mit Unterbindungsgewahrsam.
Schäuble ordnet im Windschatten der Razzien einen Tag später vorübergehende
Kontrollen auf Grundlage des "Schengener Grenzkodex" an den
Schengen-Binnengrenzen Deutschlands an. "Lageabhängig" werden
Grenzkontrollen
an den Land- und Seegrenzen sowie Flughäfen durchgeführt, um die "Anreise
potentieller Straf- und Gewalttäter nach Deutschland" zu verhindern.
In der Vergangenheit wurden vor Gipfelprotesten wiederholt AktivistInnen an
den
Grenzen gestoppt und zurückgewiesen. Hierfür werden Daten "polizeibekannter"
DemonstrantInnen ausgetauscht. Das "Sicherheitshandbuch zur Verwendung durch
die Polizeibehörden und -dienste bei Tagungen des Europäischen Rates und
ähnlicher Veranstaltungen" regelt die Weitergabe von Information über
Mobilisierungen und Personen [53].

Kurz vor dem Gipfel werden Polizei und Bundeswehr nervös. Feldjäger
reagieren
aggressiv auf Fotografieren, Polizeikräfte zeigen sich in der Öffentlichkeit
in
voller Kampfmontur, zum Teil mit schweren Waffen. Als internationale
AktivistInnen vor dem Kempinski-Hotel in Heiligendamm die "Internationale"
singen werden sie festgenommen. Weil auch RussInnen darunter sind ist der
Kreml
verstimmt. Putin rügt die Repression in Deutschland.

Am 16. Mai erlässt Kavala Allgemeinverfügungen für Heiligendamm und Laage.
Mehrere Kilometer rund um die Ortschaften ist das Versammlungsrecht außer
Kraft
gesetzt. Als Begründung werden die zahlreichen Falschmeldungen und
manipulierten
"Gefahrenprognosen" der "Sicherheitsbehörden" herangezogen. Auch
"islamistische
Anschläge" von "Einzeltätern" werden kalkuliert [54]. In der
Verbotsbegründung
wird ausführlich dargelegt, in welchen Ländern die G8 Krieg führen und von
welchen Spektren daher Widerstand zu erwarten ist . Insbesondere die
Blockaden
bereiten Kavala Kopfzerbrechen: "Die Protestszene ruft auf ihren
Internetseiten
intensiv zu Massenblockaden sowohl im Hinblick auf den Tagungsort
Heiligendamm
als auch den Bereich des Flughafens Rostock-Laage auf. Die Organisation
,Block
G8' kündigt unter dem Motto ,bewegen - blockieren - bleiben' Blockaden an".

Während Hinweise auf "islamistische Anschläge" fehlen, finden sich in den
Schriftsätzen von Kavala zahlreiche Aufrufe linker Gruppen als Beleg für die
"Schutzbedürftigkeit der Staatsgäste": "Das gemeinsame Auftreten mehrerer
ausländischer Staats- und Regierungschefs sowie der Bundeskanzlerin der
Bundesrepublik Deutschland erhöht die Wahrscheinlichkeit extremistischer
oder
terroristischer Anschläge. Für die genannten Personen bestehen teilweise
höchste Gefährdungseinstufungen. Gefährdet sind sowohl das Leben und die
Gesundheit der Staats- und Regierungschefs als auch von Anwohnern,
Sicherheitskräften, Delegationsmitgliedern und Demonstranten, die im Fall
eines
Anschlags oder von Ausschreitungen unmittelbar betroffen wären. Gleiches
gilt
für Sachgüter von erheblichem Wert und das Ansehen der Bundesrepublik, die
als
Gaststaat für den Schutz der Staatsgäste verantwortlich ist. Das
G-8-Gipfeltreffen besitzt auf Grund seiner Funktion als Lenkungsinstrument
der
Weltwirtschaft und auf Grund der Teilnahme von hochrangigen Politikern einen
hohen Symbolcharakter. Das Gipfeltreffen bietet nicht zuletzt durch die
begleitende Medienpräsenz eine ideale Plattform zur Artikulierung von Kritik
an
dem derzeitigen Weltwirtschaftssystem einschließlich politischer und
militärischer Gesichtspunkte sowie des Umweltschutzes. Es ist deshalb mit
hohen
Teilnehmerzahlen bei den zu erwartenden Protestveranstaltungen zu rechnen.
Insbesondere die USA und US-Präsident Bush sind zudem "Feindbilder" für
zahlreiche Gruppierungen. Hierzu zählen Linksextremisten, Rechtsextremisten,
Umweltaktivisten, Globalisierungsgegner, Kriegsgegner sowie Gegner der
Todesstrafe. Es ist stets damit zu rechnen, dass radikale Kräfte
weltumspannend
versuchen, Repräsentanten der US-amerikanischen Politik und hierdurch die
USA
als solche und deren Politik zu schädigen. Das größte Gefährdungspotenzial
hinsichtlich der Anschlagsqualität dürfte grundsätzlich sowie auch im
Zusammenhang mit dem G8-Gipfel aus dem Bereich des islamistischen
Terrorismus
erwachsen" [55].

Im Nachhinein gibt die Bundesregierung zu, dass es zu keiner Zeit Hinweise
auf
Anschläge gegeben hat: "Aus den Phänomenbereichen der politisch motivierten
Kriminalität (PMK) - rechts -, PMK Ausländer sowie dem Bereich des
islamistischen Terrorismus ergaben sich keine konkreten Hinweise auf eine
tatsächliche terroristische Bedrohung. [...] Im Phänomenbereich PMK -
links -
musste ausgehend von den im Vorfeld des G8-Gipfels verübten Straftaten sowie
Erkenntnissen durch die Auswertung von eingegangenen
Selbstbezichtigungsschreiben, Internetveröffentlichungen und
Szenepublikationen
damit gerechnet werden, dass weitere militante bzw. terroristische Aktionen
jederzeit hätten durchgeführt werden können. Konkrete Hinweise auf eine
derartige Gefahr lagen den Sicherheitsbehörden nicht vor" [56].

"Die Zeiten werden härter..."

Bundesweit sind Versammlungen und Aktionen von Repression betroffen. In
Lüdenscheid führen Polizei und Staatschutz sogenannte "Gefährderansprachen"
durch. In Schwedt beanstandet die Polizei ein Traktor der Fahrradkarawane
und
stellt die Weiterfahrt in Frage. Zuvor waren bereits 100 DemonstrantInnen
bei
einer Aktion der "West-Karawane" in Utrecht/ Niederlande verhaftet worden.
In
Berlin werden AktivistInnen von attac auf dem Karneval der Kulturen
zeitweise
festgehalten und überprüft, weil sie ein G8-kritisches Plakat mitführten:
"Sie
haben hier was mit G8-Bezug dabei". Das Jugendcamp der "Falken" bei Berlin
wird
durchsucht, eine Demonstration vor dem Kaufhaus "Dussmann" angegriffen. Bei
der
Solidaritätsdemonstration gegen die Durchsuchungen vom 9. Mai in Karlsruhe
kommt es zu "Rangeleien", in Leipzig zu weiteren Übergriffen. Die Polizei
ist
massiv präsent. In Lübeck ziehen Bürgermeister und Stadtpräsident einen Raum
für eine Veranstaltung im Rathaus zurück. In Potsdam werden dem
Anti-G8-Bündnis
für Demonstrationen während des G8-Außenministertreffens hohe Auflagen
erteilt.
Wegen befürchteten "Angriffen gegen das Gebäude" eines Pharma-Konzerns wird
eine Demonstration in Nürnberg mit Teil-Verbot belegt. Die Bundeswehr sperrt
das "Bombodrom" in der Kyritz-Ruppiner Heide wegen der angekündigten
"Neu-Besiedelung". Ein Konvoi der "Camp-AG" wird bei der Anreise gestoppt
und
unter fadenscheiniger Begründung stundenlang kontrolliert. Der Vorwurf:
Mitgeführte Fahrräder hätten keine Seriennummer und könnten gestohlen sein.
Die "Zangendemo" gegen die G8-Bildungspolitik am 26. Mai in Hamburg bekommt
zwar
im Vorfeld keinerlei Auflagen, vor Ort werden allerdings welche erlassen.
Der
Grund: es seien G8-Gegner in der Demo. Ein "Wanderkessel" begleitet die
kurzfristig geänderte Route, es kommt zu Festnahmen und Platzverweisen. Auch
die Demonstration "Beat Capitalism" wird mit hohen Auflagen und
Beschränkungen
des Versammlungsrechtes versehen. Kooperative Alternativvorschläge der
VeranstalterInnen lehnen die Behörden ab.

Die Demonstration am 28. Mai in Hamburg gegen die ASEM-Konferenz wird zum
"Testlauf" für die G8-Proteste. "Die Behörden bereiteten sich deshalb auf
die
Konferenz in Hamburg ähnlich vor wie auf den Gipfel in Heiligendamm"
schreibt
ddp [57]. Konkret bedeutet dies eine massive Störung der Demonstration durch
einen "Wanderkessel". Zuvor war bereits einer der Anmelder wegen einer
Vorstrafe nicht akzeptiert worden. Das Bundesverfassungsgericht bestätigt
einen
Beschluß des Oberverwaltungsgerichts, dass die Demonstration nicht in die
Nähe
des Gipfeltreffens gelangen darf. "Das Polizeiaufgebot übertrifft beinahe
die
Zahl der DemonstrantInnen. Die Demo wird mehrmals gestoppt und von
Polizeiseite
provoziert. Deshalb entscheiden sich die OrganisatorInnen, die Demo zu
beenden
[...] Wassserwerfer , Pfefferspray und Knüppel wurden eingesetzt. Es gab
mindestens 86 Festnahmen" [58].

Rückbau mit Bratwurst

Die Haupteinsatzphase von Kavala beginnt am 29. Mai und endet am 9. Juni
2007.
Danach beginnt, von der Rechtsverordnung zur Schaffung der "temporären
Polizeibehörde" vorgesehen, der "zügige Rückbau". "Pressestelle der BAO
Kavala
ist bis auf weiteres noch erreichbar!", meldet die Propagandaabteilung
Anfang
Juli.

Innenminister Caffier, Ministerpräsident Ringstorff, "Polizeiführer"
Abramowski
und FUNDUS-Chef Jagdfeld treffen sich nach dem G8 beim Grillfest in
Heiligendamm wieder, wo sie "Bratwürste und Koteletts an die hungrigen
Einwohner" austeilen. Jagdfeld lässt wissen, "dass er jetzt sich bemühen
werde,
die leichte finanzielle Sc